«Ungleichheit bleibt herausfordernd»

Die Bekämpfung des Terrorismus steht auch am Weltwirtschaftsforum in Davos oben auf der Agenda, sagt Nariman Behravesh vom US-Beratungskonzern IHS. Ebenso werden der Ölpreis und die chinesische Konjunktur diskutiert. Am wichtigsten sind die informellen Gespräche.

Urs Fitze/Davos
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Nariman Behravesh Chefökonom Beratungskonzern IHS (Bild: pd)

Nariman Behravesh Chefökonom Beratungskonzern IHS (Bild: pd)

Die Welt stehe 2015 am Scheideweg, sagt Klaus Schwab, Präsident des Weltwirtschaftsforums (WEF). Die Frage sei, ob sie sich in Richtung Zusammenarbeit oder Auseinanderleben bewege. Wie sehen Sie die Lage?

Nariman Behravesh Chefökonom Beratungskonzern IHS (Bild: pd)

Nariman Behravesh Chefökonom Beratungskonzern IHS (Bild: pd)

Nariman Behravesh: Die Welt wird angesichts der steigenden Terrorgefahr zusammenrücken und gemeinsam nach Lösungen suchen. Das Weltwirtschaftsforum wird eine gute Plattform für diese Gespräche bieten. Wenn es um Themen wie die weitere Liberalisierung des Welthandels geht, bin ich skeptisch. Vor allem Europa und die Vereinigten Staaten haben genug mit sich selbst zu tun. Solange diese Hausaufgaben, deren Lösung unabdingbar ist, nicht erledigt sind, braucht es Geduld. Ich verstehe Amerikaner und Europäer, dass sie die Prioritäten im eigenen Haus setzen. Aber das Thema Liberalisierung muss auf der Agenda bleiben.

Der Weltrisikobericht des Weltwirtschaftsforums sieht Krieg als grösstes Risiko. In den vergangenen drei Jahren hat die wachsende Ungleichheit der Einkommen an oberster Stelle gestanden. Ist das Problem gelöst?

Behravesh: Ich sehe keinerlei Fortschritt. Die Ungleichheit bleibt eine sehr grosse Herausforderung.

Warum tut sich nichts?

Behravesh: Weil sich in der Politik die gegenläufigen Kräfte lähmen. Es gibt schlicht keinen politischen Konsens, wie das Problem gelöst werden kann. So geschieht nichts.

Und die Wirtschaft?

Behravesh: Das Problembewusstsein ist da. Das zeigt der Weltrisikobericht. Das Hauptproblem bleibt die Bildung. Und da braucht es eine Zusammenarbeit zwischen Politik und Wirtschaft.

Vergangenes Jahr betonten am WEF auffallend viele Politikerinnen und Politiker das Diktat der Politik über die Wirtschaft. Wird dies auch in diesem Jahr der Fall sein?

Behravesh: Es gab einige bemerkenswerte Reden von Spitzenpolitikern. Doch das möchte ich nicht überbewerten. Im Prinzip haben sie alle dieselbe Botschaft an die Wirtschaftsgemeinde gerichtet: Kommt zu uns. Wir bieten die besten Bedingungen für eure Investitionen.

Welche Themen werden am WEF dominieren?

Behravesh: Die Bekämpfung des Terrorismus wird das dominierende politische Thema sein. Auch zur Wirtschaft wird es nicht an Gesprächsstoff fehlen: Wie wirkt sich der fallende Ölpreis aus? Wer sind die Gewinner? Wer die Verlierer? Wann ringt sich die Europäische Zentralbank endlich zu entschlossenem Handeln durch? Schaffen es die USA, auf dem Wachstumspfad zu bleiben? Bleibt China der Motor der Weltwirtschaft?

Welche Bedeutung hat das WEF?

Behravesh: Wir sind als weltweit tätiges Beratungsunternehmen mit einer grossen Delegation vertreten. Es wird viele Gespräche geben, auch mit Politikern aller Couleur, die hinter den Kulissen nicht nur ihr Sonntagsgesicht zeigen. Mir persönlich bringen die informellen Gespräche in den Wandelhallen am meisten. Dort kann ich den Wirtschaftstreibenden den Puls fühlen. So weiss ich am besten, in welche Richtung es geht.

Das Weltwirtschaftsforum (WEF) beginnt heute in Davos: Bis Samstag treffen sich in Graubünden die Spitzen aus der globalen Politik und Wirtschaft. (Bild: swiss-image.ch/Valeriano Di Domenico)

Das Weltwirtschaftsforum (WEF) beginnt heute in Davos: Bis Samstag treffen sich in Graubünden die Spitzen aus der globalen Politik und Wirtschaft. (Bild: swiss-image.ch/Valeriano Di Domenico)