Unerwünschte Pipelines

Ab 2019 will Russland kein Gas mehr durch die Ukraine nach Europa pumpen. Damit könnten Engpässe drohen. An zwei neuen Gazprom-Pipelines hat die EU aber kein Interesse.

Christian Mihatsch
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Die Kapazität von North Stream, der Gaspipeline von Russland direkt nach Deutschland, soll verdoppelt werden. Dazu haben der russische Gaskonzern Gazprom und die drei europäischen Energiekonzerne Eon, Shell und OMV in St. Petersburg eine Absichtserklärung unterzeichnet. Gleichzeitig hat Gazprom seine Pläne für die Turkish Stream Pipeline vorangetrieben. Diese Röhre soll Gas durchs Schwarze Meer in die Türkei und dann bis zur griechischen Grenze transportieren.

EU für Transit durch Ukraine

Mit der North-Stream-Erweiterung sollen jährlich 55 Milliarden und mit Turkish Stream 49 Milliarden Kubikmeter Gas in die EU geliefert werden. Das Erstaunliche: Die EU hat kein Interesse an diesen Pipelines. «Unsere Politik ist nicht mehr Gas, sondern mehr Diversifikation», sagt der EU-Energiekommissar Miguel Arias Cañete. Grund für die russische Pipelinebegeisterung ist die Entscheidung Moskaus, ab 2019 kein Gas mehr durch die Ukraine nach Europa zu liefern. Die EU lehnt dies ab: «Wir haben ein grosses Problem mit der Entscheidung Russlands, den Gasfluss durch die Ukraine zu stoppen», sagt Cañete. «Die Ukrainer verlieren Transitgebühren und diese sind eine wichtige Einnahmequelle.»

Hinzukommt, dass die Pipelines durch die Ukraine bereits existieren und das Land über grosse Gasspeicher verfügt. Noch ist unklar, ob Russland die Durchleitung durch die Ukraine verweigern kann. Einige westliche Energiekonzerne haben Lieferverträge, die weit über das Jahr 2019 hinausgehen. Aber selbst wenn Russland ab 2019 tatsächlich kein Gas mehr durch die Ukraine nach Europa pumpt, besteht kein Bedarf für eine Verdoppelung von North Stream und Turkish Stream.

Nur eine Gasleitung ausgelastet

Derzeit sind Russland und Europa durch drei Gaspipelines miteinander verbunden: North Stream, die Yamal Pipeline durch Weissrussland und das Pipelinesystem durch die Ukraine. Von diesen drei Routen ist einzig die Yamal Pipeline voll ausgelastet, wie der Europa Think Tank Bruegel mit Daten von BP in einer Studie aufgezeigt hat. Derzeit bezieht Europa knapp 120 Mrd. Kubikmeter (bcm) Gas aus Russland. Yamal und North Stream haben eine Kapazität von rund 85 Mrd. bcm. Fällt die Ukraine weg, fehlt also eine Kapazität von 35 Mrd. bcm. Wenn sowohl North Stream erweitert wird (55 Mrd. bcm) und Turkish Stream gebaut wird (49 Mrd. bcm), besteht folglich eine gigantische Überkapazität an Gaspipelines. Dies gilt umso mehr, da derzeit ein Pipelinesystem im Bau ist, das 10 Mrd. bcm Gas aus Aserbaidschan nach Süditalien bringen soll.

Bruegel stellt die Frage, wie dieser «Pipeline-Walzer» zu verstehen sei, und kommt auf drei Antworten: 1. Russland hat gar nicht die Absicht, Turkish Stream tatsächlich voll auszubauen. Dafür spricht, dass völlig unklar ist, wie das Gas weiter nach Europa transportiert werden soll. 2. Russland benutzt die North- Stream-Option, um die Türkei in den Verhandlungen unter Druck zu setzen, und verzichtet schliesslich auf die North-Stream-Erweiterung. Und 3. Es geht Russland gar nicht um Pipelines, sondern um Politik: Mit den konkurrierenden Pipelines soll die EU geteilt werden. Dieser Meinung ist auch Sijbren de Jong vom Zentrum für strategische Studien in Den Haag: «Es ist klassisches <Teile und herrsche>.»