«Unerklärter» Lohnrückstand der Frauen

In der Schweiz verdienen Frauen nach wie vor weniger als Männer. Ein Teil der Differenz ist erklärbar, der andere nicht. Letzterer ist für die Gewerkschaften Lohndiskriminierung, nicht aber für die Arbeitgeber. Folglich gehen auch die Forderungen auseinander.

Thomas Griesser Kym
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BERN/ZÜRICH. In der Schweizer Privatwirtschaft haben Frauen im Jahr 2012 im Schnitt 21,3% weniger Lohn erhalten als Männer. Das zeigt die jüngste Lohnstrukturerhebung des Bundesamts für Statistik (BFS). 2008 hatte der Lohnunterschied noch 25,5% betragen. Laut BFS lassen sich knapp 60% der Lohndifferenz mit strukturellen Faktoren erklären, etwa unterschiedliches Bildungsniveau, Anzahl Dienstjahre oder Kaderfunktion. Gut 40% der Lohndifferenz oder im Schnitt 678 Fr. pro Monat aber «blieben unerklärt». Das BFS hält ausserdem fest, dass die Lohndifferenz zwischen Frauen und Männern umso grösser ist, je höher die Kaderfunktion. Die Lohndifferenz reicht von 11% im Gastgewerbe bis zu 34% im Finanzsektor, also bei Banken und Versicherungen. Im öffentlichen Sektor beträgt sie 16,5%.

Gewerkschaften für Kontrollen

Lohndiskriminierung nach Geschlecht ist in der Schweiz verboten. Es gilt das in der Bundesverfassung verankerte Prinzip «gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit». Für den Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) ist aber der unerklärte Teil der Lohndifferenz zwischen Männern und Frauen «Lohndiskriminierung».

Durch die jüngste Erhebung des BFS fühlt sich der SGB bestätigt: «Die Lohndiskriminierung von Frauen kann nicht mit freiwilligen Massnahmen beseitigt werden. Es braucht Kontrollen.» Konkret fordert der SGB, dass der Bundesrat im Rahmen der angekündigten Revision des Gleichstellungsgesetzes Firmen verpflichtet, ihre Löhne regelmässig auf Diskriminierung zu überprüfen und die Ergebnisse zu publizieren. Zudem solle eine tripartite Kommission diese Kontrollpflicht durchsetzen und Verstösse oder Lohndiskriminierung sanktionieren können.

Arbeitgeberverband für Klagen

Der Schweizerische Arbeitgeberverband (SAV) kontert. Er äussert Zweifel an der BFS-Analysemethode, welche «die effektive Leistung eines Arbeitnehmenden nicht beziehungsweise nur indirekt berücksichtigt». Der SAV fordert deshalb, auf standardisierte Lohnkontrollen generell zu verzichten. Hingegen unterstützt er die bestehenden rechtsstaatlichen Möglichkeiten, «wonach Geschädigte auf betrieblicher Ebene lohndiskriminierende Praktiken einklagen können».

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