Unabhängiger von russischem Gas

Über Jahrzehnte waren Russland und Europa voneinander abhängig: Europa brauchte Gas und Russland die Einnahmen. Doch nun sinkt der Gaspreis weltweit und Europa kann immer mehr Flüssiggas importieren.

Christian Mihatsch
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BANGKOK. Das vergangene Jahr war nicht gut für Russland. Der Ölpreis fiel um rund 60 Prozent wie auch der Rubel. 150 Mrd. Dollar sind aus Russland abgeflossen, ein neuer Rekord bei der Kapitalflucht. Russische Staatsanleihen liegen aus Sicht der Ratingagenturen nur noch knapp über Ramschniveau.

Das hat auch Spuren in der Bilanz von Gazprom hinterlassen: Im dritten Quartal 2014 fiel der Gewinn um 62% im Vergleich zum Vorjahr. Dabei hatte im dritten Quartal 2014 der Ölpreisverfall noch kaum Spuren im Gaspreis hinterlassen. Bei vielen der langfristigen Lieferverträge wird der Gaspreis erst nach sechs Monaten an den Ölpreis angepasst. Doch nun hat sich der Ölpreis deutlich unter 60 Dollar pro Barrel (159 Liter) Öl der Nordseesorte Brent eingependelt, was ab April zu tieferen Gaspreisen führt: Statt bei 350 Dollar für 1000 Kubikmeter Gas wie in den ersten neun Monaten des letzten Jahres wird der Preis dieses Jahr bei 200 bis 250 Dollar liegen, schätzt der Analyst Alexander Kornilov von der russischen Alfa Bank.

Überangebot

Der Gaspreis sinkt aber nicht nur, weil viele Lieferverträge an den Ölpreis gekoppelt sind, sondern weil auch im Gasmarkt ein Überangebot besteht. Die Gasnachfrage wird durch zwei Faktoren beeinträchtigt: Die Wirtschaft in China, Europa und Japan wächst noch immer nur schleppend. Zudem ist der Preis für Kohle so stark gefallen, dass auch ein niedrigerer Gaspreis nicht zu einer Verdrängung von Kohle bei der Stromerzeugung führt. Russische Kohle kostet in Europa noch 50 Dollar, während der Preis vor einem Jahr noch bei 83 Dollar lag. Auf der Angebotsseite nimmt dieses Jahr die Menge an Flüssiggas deutlich zu. In Australien, den USA und Indonesien gehen insgesamt sechs neue Terminals in Betrieb, in denen Gas verflüssigt wird. Damit steigt das weltweite Angebot an Flüssiggas um 10 Prozent. Der schwedische Energiekonzern Vattenfall schätzt, dass Europa dieses Jahr knapp ein Fünftel mehr Flüssiggas kauft als 2014.

Mehr Gas aus Qatar

«Die Preise in Asien fallen. Das bedeutet, dass Qatar mehr Flüssiggas nach Europa schicken muss», sagt Frank van Doorn, der bei Vattenfall für den Gashandel zuständig ist. Qatar ist der grösste Exporteur von Flüssiggas weltweit. «Wie viel Flüssiggas schliesslich nach Europa kommt, ist schwierig zu sagen, aber es wird sicherlich Druck auf die Preise ausüben.» Aus europäischer Sicht haben Flüssiggasimporte einen doppelten Vorteil: Zum einen sinkt dadurch der Gaspreis und zum anderen wird Europa unabhängiger von russischen Gaslieferungen.