Umstrittener Trend: Doppelt so viele Chefs überwachen gleich viele Mitarbeiter

Wundersame Vermehrung von Chefposten - Segen oder Unheil für die Beschäftigten in der Schweiz?

Niklaus Vontobel
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Arbeit oder Freizeit: Homeoffice stellt die Chefs vor neue Probleme

Arbeit oder Freizeit: Homeoffice stellt die Chefs vor neue Probleme

Imago Stock&people / imago stock&people

Die Chef-Dichte hat sich in den letzten dreissig Jahren mehr als verdoppelt, gemäss Zahlen des Bundesamts für Statistik. Auf hundert Mitarbeiter kamen zuletzt durchschnittlich mehr als sieben Direktoren, Abteilungsleiter oder sonstige Führungskräfte.

Wie dieser Trend zu deuten ist – das ist umstritten. Nach Ansicht der Gewerkschaften geht er auf Kosten der «Büezer». Bei ihnen werde gespart und der Druck erhöht. Weiter oben in den Chefetagen würde hingegen ausgebaut, oftmals bloss teuere «Powerpoint-Produktionsabteilungen».

Die wundersame Vermehrung von Chefposten könne auch anders erklärt werden, sagen Experten für Organisation und Psychologie. Etwa durch eine steigende Zahl von Kleinbetrieben, die wiederum gerne eigene Cheftitel vergeben wollen. Oder dadurch, dass die Chefs sich heute mehr um ihre Mitarbeiter kümmern müssten – wofür sie kleinere Teams bräuchten. Doch auch die Experten sind sich uneinig.

Einige sehen hinter der steigenden Chef-Dichte etwas anderes: nämlich Ängste vor Kontrollverlust, die traditionell denkende Führungskräfte beschleichen würden. Indem der einzelne Chef kleiner Teams unter sich hat, will man die Mitarbeiter im Auge behalten können.

Eine Kultur der Angst – oder des Miteinanders

Zu viele Chefs, zu wenige Chefs – in dieser Debatte ist wohl nur eines unbestritten: Es steht viel auf dem Spiel, und zwar für Mitarbeiter, Vorgesetzte und das Unternehmen.

Eine schlechte Unternehmenskultur geht einher mit einem höheren Gesundheitsrisiko, wie eine Studie in Deutschland zeigte. Die Chefs könnten den Ausschlag geben: Kippt eine Kultur in Richtung von Angst und Misstrauen – oder aber in Richtung eines vertrauensvollen Miteinanders?

Je nachdem haben die Mitarbeiter weniger Stress, Schlafstörungen oder Hilflosigkeitsgefühle und sind dadurch gesünder und produktiver. Oder aber die Mitarbeiter leisten weniger und fehlen öfter.

Somit wird die Chef-Dichte auch für die Unternehmen entscheidend. Die Fehlzeiten kommen sie teuer zu stehen. Kranke oder geschwächte Mitarbeiter bringen weniger Leistung, auch wenn sie zur Arbeit erscheinen. So können sich Kosten ansammeln von bis zu 15 Prozent des gesamten Personalaufwands.

Zugleich gilt: Auch für die Chefs geht es um die Gesundheit.

Wenn ein Chef zu viele Mitarbeiter führen muss, droht ihm die Überforderung und damit Reizbarkeit, Erschöpfung oder Schlafstörungen. Diesen Stress geben sie dann bewusst oder unbewusst an die unter ihnen liegende Hierarchiestufe weiter. Insbesondere kann Stress entstehen, wenn sie von den Mitarbeitern ständig bei der eigenen Arbeit gestört und unterbrochen werden.

Mit der explosionsartigen Verbreitung von Homeoffice wird das Chef-Sein nicht eben leichter. Gemäss einer Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz können sie die Leistung der Mitarbeiter schlechter überwachen. Oder zumindest haben sie dieses Gefühl.

Manche können dann nicht loslassen, sondern wollen die Kontrolle zurückerlangen. Sie verteilen kleinere Aufgaben, um so schneller ein Ergebnis zu haben, das sie kontrollieren können.

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