UMBRUCH: Toggenburger Unternehmen Berlinger will zurück in die Zukunft

Firmeninhaberin Andrea Berlinger zeigt, wie das Toggenburger Unternehmen mittelfristig aus dem Anti-Doping-Geschäft aussteigen will und wo es in den kommenden Jahren frisches Wachstum erwartet.

Markus A. Will
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Dopingkontrollflaschen aus dem Toggenburg: Die Berlinger-Gruppe geht über die Bücher. (Bild: Ralph Ribi (Ganterschwil, 21. Januar 2016))

Dopingkontrollflaschen aus dem Toggenburg: Die Berlinger-Gruppe geht über die Bücher. (Bild: Ralph Ribi (Ganterschwil, 21. Januar 2016))

Markus A. Will

«Manchmal braucht es einen harten Schnitt, um wieder etwas Neues anzufangen», erklärt Andrea Berlinger den als strategisch bezeichneten Entscheid, aus dem Geschäft mit Anti-Doping-Kits «geordnet» auszusteigen. Seit der Olympiade 2000 in Sydney beliefert das Toggenburger Unternehmen die Sportwelt mit speziellen Flaschen zur Aufbewahrung von Dopingproben. Die Tochterfirma Berlinger Spezial AG ist mit 90 Prozent Marktanteil Weltmarktführerin. Der Bereich trägt ein Drittel zum Gesamtumsatz der Berlinger & Co. AG bei. 24 von über 75 Vollzeitstellen hängen an diesem Segment, «in dem man einer Öffentlichkeit ausgesetzt ist, die man nicht unter Kontrolle hat», fügt die Ostschweizer Unternehmerin des Jahres 2016 den Zahlen an.

Warum gibt man so ein Geschäftsfeld auf? Kurz vor den Olympischen Winterspielen waren bei der Handhabe Probleme aufgetaucht. Berlinger musste über Nacht 4350 Doping-Kits auswechseln. «Es gibt keine Regulation für die Flaschen. Wir sind das kleinste Glied in der Kette von der Kontrolle auf der Toilette, dem Abfüllen, Verschliessen und Prüfen im Labor.»

Mit basischen Pulvern unter den Fingernägeln

«Den Letzten beissen die Hunde», sagt Berlinger und erzählt, wie auf dem Klo manipuliert werden könne. Mit basischen Pulvern unter den Fingernägeln beispielsweise. Sotschi 2014 habe ­alles verändert. Nun soll damit mittelfristig Schluss bei Berlinger sein. Was kommt, weiss die Chefin noch nicht. Vom Verkauf des Bereichs, einer reinen Produktion bis hin zu Kooperationen sei alles möglich, aber nicht mehr unter dem Reputationsrisiko von Berlinger. «Selbst unsere Kunden haben mir gesagt, das sei ein weiser Entscheid», sagt Berlinger, die offen für «eine gute Nachfolgelösung» ist. «Wir nutzen unsere Monopolstellung nicht aus.» Das Unternehmen will mit dem Entscheid zurück in die Zukunft: Das Hauptgeschäft der Berlinger & Co. AG ist die Temperaturüberwachung insbesondere bei klinischen Versuchen und Tests mit neuen Medikamenten. Im Gegensatz zu den Probeflaschen sei das ein Wachstumsmarkt.

Was in den 1980er-Jahren mit chemischen Messstreifen, die sich bei Temperaturschwankungen verfärben, begann, ist heute ein System aus Messgerät plus Software. «Uns haben die Kunden vor Jahren gesagt, dass wir nicht nur messen können müssen, dass eine Abweichung stattgefunden hat, sondern auch wann.» Andrea Berlinger erklärt, dass nur so nachgewiesen werden könne, wer den etwaigen Fehler gemacht habe. «Unsere Software ist eine Art Mini-Blockchain, die wir in die digitalen Überwachungsketten von Unternehmen einbauen können.» Neben klinischen Tests werden Berlingers Produkte in der Pharmaindustrie und zur Kühlüberwachung bei Impfstoffen für Unicef und die Weltgesundheitsorganisation eingesetzt. Berlinger liefert in 140 Länder der Welt.

Ob die dezentrale fälschungssichere Abspeicherung von Daten bei allen Beteiligten einer Lieferkette sich durchsetzen werde, ist für die Firmenchefin noch nicht ausgemacht. «Ich bin schon lange im Geschäft und weiss, dass auf Dauer auch Nachteile zu Tage treten, aber diese Blockchain ist sicher eine wichtige Technologie.» Berlinger fühlt sich hier gut aufgestellt, hat 2014 eine kleine Softwarefirma mit heute 8 Mitarbeitern gekauft, mit denen man schon zuvor zusammengearbeitet hat. Später hat man auch noch die Hardware übernommen und kann so heute auch grosse Kühlhäuser temperaturtechnisch überwachen. Dafür braucht man IT-Spezialisten. Die Firma findet bislang genügend Spezialisten, die gerne in einer Boutique-ähnlichen kleinen Firma arbeiten wollen und auch die Landschaft im Toggenburg schätzen – vor allem die «mit Familien», fügt sie hinzu. Aber man arbeite auch mit Partnern, Universitäten und lagere auch Entwicklungsschritte aus.

Berlinger hat einen harten Entscheid gefällt, der dem Unternehmen nicht leicht gefallen ist. Sie sei aber froh, dass ihre Grossmutter sie gelehrt habe, wie man Rosenstöcke zurückschneidet. «Kräftig, damit es im kommenden Jahr wieder schöne Rosen hat.»