UMBRUCH: Finanzplatz sucht Identität

Das Tessin als dritter Bankenplatz der Schweiz verliert an Bedeutung. Die Verunsicherung bei den Bankangestellten ist gross.

Gerhard Lob, Bellinzona
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Gerhard Lob, Bellinzona

Kurz vor Ostern ist das Siegel BSI verschwunden. An allen Filialen der bisherigen Bank BSI prangt nun das Logo der Zürcher Privatbankengruppe EFG International, welche sich de facto die BSI SA einverleibt hat. Für den Finanz- und Bankenplatz im Tessin war dies nicht einfach ein simpler Namens- und Schilderwechsel, sondern eine regelrechte Zäsur.

Denn die BSI, mit rund 1000 Beschäftigten, war die letzte grosse Bank, die ihren Sitz im Südkanton hatte. Ihre Ursprünge gehen auf die Banca della Svizzera italiana zurück, die 1873 in Lugano gegründet wurde und damit die älteste Bank auf der Schweizer Südseite der Alpen war. Doch mit einem Aufsehen erregenden Entscheid vom Mai 2016 verfügte die Eidg. Finanzmarktaufsicht (Finma) wegen Verstosses gegen Geldwäschereivorschriften im Zusammenhang mit der Korruptionsaffäre des malaysischen Staatsfonds 1MDB de facto die Auflösung der BSI SA.

Die Entwicklungen bei der BSI spiegeln sich auch in der Arbeit des Schweizerischen Bankpersonalverbandes (SBPV), der nicht ganz zufällig genau vor einem Jahr ein Regionalsekretariat in Lugano gründete. Es gab im letzten Jahr fast 400 Kontakte von BSI-Angestellten mit dem Personalverband. «Das bedeutet, dass wir fast mit jedem zweiten zu tun hatten», sagte gestern die Regionalverantwortliche Natalia Ferrara im Rahmen eines Treffens mit den Medien in Bellinzona. Es zeige sich, wie gross die Verunsicherung bei den Beschäftigten sei.

Abbau auch scheibchenweise

Die Arbeit ist für den Personalverband keineswegs beendet. Denn mit der EFG wird immer noch an einem Sozialplan getüftelt. Bis 2019 sollen landesweit 100 bis 150 Stellen jährlich eingespart werden, davon zwei Drittel in der Schweiz. Immerhin gibt es einen Sozialplan. Das ist bei anderen Restrukturierungen nicht der Fall. So hat die Deutsche Bank ihre Filiale in Lugano ohne Sozialplan geschlossen. Auch bei der Privatbank Notenstein ist laut Ferrara kein Sozialplan vorgesehen. Ihrer Meinung nach leiden heute viele kleine Niederlassungen mit relativ wenigen Mitarbeitern, in denen scheibchenweise abgebaut wird.

Sicher ist: Die Boomjahre im Tessiner Bankwesen sind vorbei, das heisst all die Jahre, als vermögende Italiener viel Geld über die Grenze brachten, häufig nicht deklariertes Vermögen. So stieg Lugano nach Zürich und Genf zum dritten Bankenplatz der Schweiz auf, als Finanzplatz steht er nach den genannten Städten und Basel an vierter Stelle. «Eine Rückkehr zu diesen Zeiten wird es nicht geben, wir müssen nach vorne schauen», meint der Tessiner Wirtschafts- und Finanz­direktor Christian Vitta (FDP).

Laut einer Erhebung der Tessiner Bankiervereinigung (ABT) gingen allein 2016 in der Bankenbranche 296 Stellen verloren (–4,2%). Die Banken beschäftigten noch 6782 Personen. Trotz aller Probleme zeigt sich die Wichtigkeit der Branche nach wie vor im Verhältnis von Bruttoinlandprodukt und Anzahl Beschäftigter, wie eine Studie von BAK Basel zeigt. Die gesamte Finanzbranche, das heisst auch Treuhänder und Finanzdienstleister, beschäftigt im Südkanton mit 10000 Personen gerade mal 6% aller Angestellten, generiert aber 9% des kantonalen Bruttoinlandprodukts. Die Wertschöpfung pro Arbeitsplatz ist folglich bedeutend. Betroffen von den Entwicklungen ist besonders Lugano.

Michele Foletti (Lega), Stadtrat und Direktor von Luganos Finanzdepartement, sagt: «Wir sind in Sorge um die Arbeitsplätze – vorab wegen der Digitalisierungstendenzen und der Konzentrationsstrategien der Banken.»