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UHRENINDUSTRIE: Fluch und Segen mit "Swiss Made"

Die verschärften Ursprungsregeln schaffen Verlierer und Gewinner. Vor allem aber bringen sie die Schweizer Uhrenindustrie in Bewegung.
Daniel Zulauf
Mondaine Watch musste wegen der neuen Ursprungsregeln einige Modelle aus dem Sortiment entfernen. (Bild: Michele Limina/Bloomberg)

Mondaine Watch musste wegen der neuen Ursprungsregeln einige Modelle aus dem Sortiment entfernen. (Bild: Michele Limina/Bloomberg)

Daniel Zulauf

Die Schweizer Uhrenindustrie ist eine geteilte Branche. Edle Boutiquen zeigen ihre glamouröse Seite in eleganten Einkaufsvierteln in allen Metropolen dieser Welt. Aber Schweizer Uhren werden rund um den Globus auch in gewöhnlicheren Warenhäusern, Fachgeschäften und zunehmend auch auf Onlineplattformen einem weniger betuchten Pu­blikum feilgeboten. In diesen gegensätzlichen Verkaufskanälen laufen die Geschäfte nie wirklich synchron.

Doch spätestens seit dem letzten Frankenschock vor drei Jahren ist klar: Die Schweizer ­Uhren ticken unterschiedlich schnell. Während die Uhrenexporte in den ersten zwei Jahren nach dem Wechselkursschock durchs Band einbrachen, weisen die Ausfuhren der teureren Zeitmesser seit einigen Monaten wieder deutlich aufwärts. Die Zahl der exportierten Uhren aus dem mittleren und oberen Preissegment (500 Franken bis 3000 Franken ab Fabrik) hat 2017 um mehr 110'000 Stück zugenommen. Von Luxusuhren der obersten Preisklasse (über 3000 Franken ab Fabrik) wurden gut 23'000 Stück mehr exportiert als im Jahr 2016, als die Branche ihren tiefsten Punkt seit 2009 erreichte.

Swissness-Gesetz seit 2017 gültig

Das Bild kontrastiert hart mit den Exportzahlen preisgünstiger Uhren (bis 200 Franken ab Fabrik). 2014 beliefen sich die Ausfuhren auf 18,4 Millionen Stück. 2017 waren es noch 15,1 Millionen. Eine Erholung ist nicht absehbar. Im Gegensatz zu den Zeit­messern in höheren Preislagen schrumpften die Ausfuhren in der untersten Preisklasse auch 2017 um 1,4 Millionen Stück. Für André Bernheim, Verwaltungsratspräsident und Mitinhaber von Mondaine Watch, ist klar: "Die verschärften Ursprungsregeln helfen mit, die Klassenteilung in der Schweizer Uhrenindustrie zu beschleunigen". Der Hersteller der "Bahnhofsuhr" für das Handgelenk gehört zu den grösseren Produzenten von preisgünstigen Uhren in der Schweiz.

Seit Anfang 2017 ist das Swissness-Gesetz scharfgestellt. Wer nicht nachweisen kann, dass die Herstellungskosten einer Uhr nicht zu mindestens 60 Prozent schweizerischen Ursprungs sind, darf nicht mehr mit "Swiss Made" werben. Davor ­genügten schon ein inländischer Wertanteil von 50 Prozent am Uhrwerk sowie die Uhrenmontage und Schlusskontrolle in der Schweiz. "Das Leben für Marken im unteren und mittleren Preisfeld wie unsere wird schwieriger", räumt Bernheim ein. Er war einer der Protagonisten im langen Kampf gegen das Swissness-Gesetz. Jetzt muss er sich wohl oder übel mit der Situation arrangieren. "Man könnte sich mit dem Einkauf billigerer Einzel­teile in Asien behelfen", sagt er. "Statt eines Saphirglases aus China kommt einfach ein gewöhnliches Mineralglas aus der gleichen chinesischen Fabrik auf die Uhr. Damit steigt automatisch der Wertanteil der im Inland produzierten Teile. Aber letztlich verliert das Produkt an Qualität."

Unternehmen angelockt

Selbstredend kann sich der Patron mit einer solchen Lösung nicht zufriedengeben. Denn "Swiss Made" ist schliesslich ein Qualitätsversprechen. Ein paar Modelle, deren Kalkulation durch die neuen Ursprungsregeln an der 60-Prozent-Hürde gescheitert ist, hat er inzwischen still und leise aus dem Sortiment gekippt. Für eine harte Automatisierungsstrategie, mit der sich die Stückkosten auch in der Schweiz auf ein international konkurrenz­fähiges Niveau drücken liessen, seien die Produktionsmengen auch bei Mondaine zu klein, sagt Bernheim. Für ihn steht fest, dass die Schweiz mit dem neuen Gesetz ein Stück Uhrenindustrie verlieren wird. "Ich weiss nicht, ob es politische Absicht oder nur fehlende Weitsicht war, aber dieses Swissness-Gesetz hat der Schweiz als Produktionsstandort für kleine und mittelgrosse Unternehmen in der Uhrenbranche und der gesamten Schweizer Wirtschaft geschadet."

Vehement gegen diese Analyse argumentiert der Verbandsfunktionär und FH-Geschäftsführer Jean-Daniel Pasche. Seine Organisation vertritt unter anderen grosse Uhrenhersteller wie die Swatch Group, die sich mächtig für die Swissness-Vorlage ins Zeug gelegt hatten. Mondaine Watch ist kein FH-Mitglied. Pasche sagt, die Exportstatistiken liessen keine Aussage darüber zu, ob das Swissness-Gesetz kleinere Hersteller von preisgünstigen ­Uhren und deren Zulieferer dazu zwingt, aufzugeben oder auszuwandern. Pasche verweist auf Unternehmen, die erst mit dem Swissness-Gesetz in die Schweiz gekommen sind. Ein Beispiel ist die Firma Wolf Manufacture in Biel, die im Februar 2017 eine hoch automatisierte Fabrik in Biel in Betrieb genommen hat. Sie verfügt über eine Kapazität von 600'000 Uhrengehäuse pro Jahr, und das mit gerade mal sechs Mitarbeitern. Geschäftsführer Patrick Tresch sagt: "Wir sind da, um Teile, die wir früher in China gefertigt haben, wieder in der Schweiz zu produzieren." Ob solche Zulieferfabriken das Problem der kleinen Schweizer Uhren­hersteller lösen werden, bleibt abzuwarten. Vorerst deutet vieles darauf hin, dass sich der Konzentrationsprozess fortsetzt.

René Kamm, Chef des Schweizer Messebetreibers MCH und Veranstalter von "Baselworld", klagt im Interview mit "Finanz und Wirtschaft": "Die Vielfalt der Uhrenmesse ist in Frage gestellt." Am 22. März beginnt sie mit halb so vielen Ausstellern wie im Vorjahr, und der Schrumpfungsprozess scheint weiterzugehen: Kamm glaubt, dass es in der Schweiz bald nur noch 50 Uhrenmarken geben wird. Es waren früher über 600.

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