ÜBERLEBENSKAMPF
Freude über den Preis, Ärger über die Politik: Die Schweizer Zuckerbranche kämpft um ihre Zukunft

Nach einer roten Null im Geschäftsjahr 2019/20 hofft die Schweizer Zuckerbranche auf eine in ihren Augen faire Nachfolgelösung für die auslaufenden Stützungsmassnahmen für die Rübenbauern. Anlass zu Zuversicht gibt der Zuckerpreis, der in den vergangenen Monaten deutlich angezogen hat.

Thomas Griesser Kym
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In der Schweiz werden pro Jahr im Schnitt 250'000 Tonnen Zucker produziert.

In der Schweiz werden pro Jahr im Schnitt 250'000 Tonnen Zucker produziert.

Bild: Boris Bürgisser

Ein Verlust von rund 100'000 Franken. Das steht für das Geschäftsjahr 2019/20 unter dem Strich bei der Schweizer Zucker AG, welche die beiden Zuckerfabriken in Aarberg und Frauenfeld betreibt. Der Verlust tönt nach nicht viel, doch die Sorgen und Nöte der Schweizer Zuckerbranche sind gross.

Da war zum einen der tiefe Zuckerpreis auf dem Weltmarkt, der auf das Ergebnis gedrückt hat. Zum anderen konnte dieses nur knapp ausgeglichen gehalten werden, weil Reserven aufgelöst wurden, zur Stützung des Rübengeldes und der Anbaufläche. Drittens haben 2020 neu auftretende Krankheiten wie die viröse Vergilbung die Ernteerträge und den Zuckergehalt der Rüben gemindert. Das trägt dazu bei, dass immer mehr Bauern aussteigen.

Bangen nach drei Jahren Zusatzhilfe

Hinzu kommt: Ende 2018 hat der Bundesrat als Folge der Marktliberalisierung in der EU (Freigabe der Produktionsmengen, Aufhebung von Exportbeschränkungen) der Schweizer Zuckerbranche unter die Arme gegriffen. Die Massnahmen sind allerdings befristet bis Herbst 2021, und laut der Schweizer Zucker AG «bestehen politisch unterschiedliche Vorstellungen, ob und in welchem Rahmen diese Massnahmen verlängert werden sollen».

Dieses Paket von Ende 2018 enthält zwei wesentliche Elemente. Zum einen den Grenzschutz, der die Schweizer Zuckerbranche vor billigeren Importen aus der EU in Zeiten von Überschussproduktion schützt. Diesen Grenzschutz hat der Bundesrat auf mindestens 70 Franken pro Tonne Importzucker festgelegt. Zum anderen hat der Bundesrat den Einzelkulturbeitrag vorübergehend von 1800 auf 2100 Franken pro Jahr und Hektare Zuckerrüben erhöht. Der Einzelkulturbeitrag soll sicherstellen, dass genügend Zuckerrüben in der Schweiz angebaut werden und die Zuckerfabriken ausgelastet sind.

«Fatales Zeichen»

Wie geht es weiter? Im Februar 2021 hat sich die Wirtschaftskommission des Nationalrats mit dem Thema befasst. Sie plädiert dafür, Zuckerimporte weiterhin mit 70 Franken Zoll pro Tonne zu belegen, den Einzelkulturbeitrag aber auf 1500 Franken pro Hektare und Jahr für konventionelle Rüben zu kürzen. Im Gegenzug soll es für Biorüben einen Zuschlag von 700 Franken und für fungizid- und insektizidfrei angebaute Rüben nach IP-Suisse-Richtlinien einen Zuschlag von 500 Franken pro Hektare und Jahr geben.

Die Schweizer Zucker AG spricht von einem «fatalen Zeichen». Die Verankerung des Grenzschutzes wird zwar ebenso begrüsst wie eine Förderung von Bio- und IP-Suisse-Rüben. Diese könnten aber den Rückgang bei konventionellen Rüben nicht kompensieren, der für diese bei einer Kürzung des Einzelkulturbeitrags befürchtet werde. Folge wäre laut der Schweizer Zucker AG:

«Der Rückgang führt zur Schliessung einer der beiden Zuckerfabriken.»

Mit nur einer Fabrik wäre der Betrieb aber nicht mehr wirtschaftlich, hat eine Studie im Auftrag des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW) Ende 2019 festgehalten. Alternative laut der Studie: Den Ausstieg aus dem Schweizer Zucker andenken.

Guido Stäger, Direktor der Schweizer Zucker AG, in der Zuckerfabrik Frauenfeld.

Guido Stäger, Direktor der Schweizer Zucker AG, in der Zuckerfabrik Frauenfeld.

Bild: Donato Caspari (13. März 2019)

Defizit in der Weltproduktion treibt den Preis

Das aber will die von Direktor Guido Stäger geleitete Schweizer Zucker AG unter allen Umständen verhindern. Es stünden rund 300 Arbeitsplätze auf dem Spiel, Schweizer Zucker werde um 30 Prozent nachhaltiger produziert als ausländischer, und er sichere dem Land eine gewisse Selbstversorgung.

Immerhin spricht die Schweizer Zucker AG auch von einem «berechtigten Optimismus», und zwar an der Preisfront. In den vergangenen Monaten haben die Zuckerpreise an den Rohwarenbörsen «deutlich angezogen». Dies, weil zu trockenes Wetter in Brasilien und relativ tiefe Erntemengen auf der Nordhalbkugel die Zuckerproduktion verringert haben. Das und ein damit verbundener Abbau der Zuckerlager könnte die Preise weiter stützen.