«Über den eigenen Tellerrand blicken»

75 Lernende und 70 Unternehmen aus der Schweiz, Deutschland, Österreich, Liechtenstein und Italien haben 2013 am Austauschprogramm Xchange teilgenommen. Im Thurgau ist Ausbildungsberaterin Barbara Gallo dafür zuständig.

Stefan Borkert
Drucken
Barbara Gallo wünscht sich mehr Beteiligung am Programm Xchange. (Bild: Nana do Carmo)

Barbara Gallo wünscht sich mehr Beteiligung am Programm Xchange. (Bild: Nana do Carmo)

Frau Gallo, auch aus dem Thurgau und der Ostschweiz nehmen Firmen und Lehrlinge an dem Austauschprogramm Xchange teil. Habe Sie Mühe, Unternehmen und Lehrlinge dafür zu finden?

Barbara Gallo: Leider hat Xchange im Thurgau noch nicht den Bekanntheitsgrad, den das Programm verdient. Die angefragten Lehrbetriebe sind immer begeistert von der Idee des Austauschprogrammes. Fürs konkrete Anpacken und Umsetzung fehlen dann bedauerlicherweise manchmal der Mut oder die Ressourcen im Betrieb.

Reisen bildet. Früher war das, gerade im Handwerk, sehr erwünscht. Gilt das auch heute noch?

Gallo: Auf jeden Fall. Je länger je mehr! Für Universitätsabsolventen gehört ein Auslandsemester in vielen Studiengängen heute unbedingt dazu. Warum soll das für Lernende in der dualen Ausbildung nicht auch selbstverständlich sein? Der Bodenseeraum ist ein sehr dynamischer und auch mit der Schweiz eng verflochtener Wirtschaftsraum. Es ist daher wichtig, dass Europa auch gelebt wird und dass Junge dies als Teil ihres Alltags begreifen. Das Programm Xchange kann viel dazu beitragen.

Welche Berufsausbildungen bei welchen Firmen werden bei Xchange genutzt?

Gallo: Im letzten Jahr fanden in der Ostschweiz insgesamt 13 Austausche in den Lehrberufen Fachleute Hauswirtschaft, Ernährung und Gesundheit, Kaufleute, Chemielaboranten, Mechatroniker, Industriemechaniker, Industriekauffrau und Gastgewerbe statt. Davon beteiligten sich im Thurgau das Bildungszentrum Arenenberg in Salenstein und die Firma Bioforce in Roggwil mit sechs Austauschen. Beide Lehrbetriebe pflegen diese Austausche schon seit Jahren mit grosser Begeisterung. Es wäre schön, wenn noch mehr Betriebe dazukämen.

Welchen konkreten Nutzen hat die Firma?

Gallo: Die Lernenden bringen die im Ausland gewonnenen, neuen Erkenntnisse über Organisation, Fachlichkeit, Gepflogenheiten von Land und Leuten in ausländischen Ausbildungsbetrieben heim in ihren Lehrbetrieb im Thurgau. Insofern können Auszubildende mit interkultureller Erfahrung einiges zum Unternehmenserfolg beitragen. Manchmal eröffnet der regelmässige Austausch auch neue Geschäftsfelder im Ausland.

Und was nutzt es dem Lehrling?

Gallo: Der Blick über den eigenen Tellerrand bringt dem Lernenden nebst dem Wissenstransfer auch Einblick in andere Techniken, Materialien, Betriebskulturen. Die Lehrbetriebe stellen immer wieder fest, dass sich ihre Lernenden durch die Erweiterung ihres beruflichen und persönlichen Horizontes während des Austausches auch in ihrer Persönlichkeit und im Selbstbewusstsein positiv weiterentwickelt haben.

Das Projekt läuft ja schon seit 12 Jahren. Haben Sie in dieser Zeit Veränderungen zum Beispiel bei der Zusammensetzung der Lernenden festgestellt, also Geschlecht, Interessen, Berufswahl?

Gallo: Da ich das Projekt erst seit kurzem betreue, kann ich zu Veränderungen nichts sagen. Vielmehr bin ich überzeugt, dass wertvolle Austausche mit Xchange in weiteren Berufen, wie Coiffeur, Detailhandel, Bäcker-Konditor-Confiseur, Milchtechnologen, Grafische Berufe möglich wären. Aufgrund der ausschliesslich positiven Rückmeldungen der Lernenden und Lehrbetriebe möchte ich beide dazu ermutigen, 2014 am grenzüberschreitenden Austauschprogramm teilzunehmen.