Twitter sucht einen neuen Chef

Dick Costolo hat seinen Rücktritt als Chef des Kurznachrichtendienstes Twitter angekündigt. Sein Nachfolger soll das Unternehmen in die Gewinnzone führen.

John Dyer
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Dick Costolo Scheidender Twitter-Chef (Bild: epa)

Dick Costolo Scheidender Twitter-Chef (Bild: epa)

SAN FRANCISCO. Twitter ist weltweit in der Internetgemeinde enorm populär. Aber der Kurznachrichtendienst bringt zu wenig Geld ein. Der Druck der Wall Street auf die Geschäftsführung nimmt seit geraumer Zeit stark zu. Dick Costolo hat jetzt nachgegeben, der Twitter-Chef verlässt seinen Posten. Die Märkte nahmen das erfreut zur Kenntnis. Der Aktienkurs kletterte nach der Ankündigung um 8%.

«Jeder ausser Costolo»

Costolo hat erkannt, dass das Problem von Twitter er selber ist. Jack Dorsey, der den Chefposten interimistisch übernimmt, betonte zwar, dass Costolo aus freien Stücken zurücktrete. Aber dieser sagte in einer Telefonkonferenz: «Ich habe selber gespürt, dass der Argwohn gegenüber der Firma noch schlimmer würde, wenn ich Chef bliebe.» Dorsey, der Mitbegründer des für seine 140-Zeichen-Meldungen berühmten Kurznachrichtendienstes ist, wird das Unternehmen ab dem 1. Juli führen. Aber die Suche nach einem anderen Mann oder einer Frau an der Spitze geht weiter. Costolo wird in den Verwaltungsrat wechseln.

Das rasche Anziehen der Twitter-Aktie nach dem öffentlichen Aus für Costolo zeigt, wie stark die Investoren auf den Spitzenmann eingehämmert haben, der seit mehreren Quartalen die Erwartungen der Analysten verfehlt hat. Der für bissige Kommentare bekannte und deshalb populäre CNBC-Finanzkommentator Jim Cramer sprach von Twitter als einem «versteckten Diamanten», der nur freigelegt werden müsse. Und er fügte hinzu: «Der einzige Weg für diese Firma, besser zu werden, ist mit JAC – jeder ausser Costolo.»

Keine überzeugende Vision

Der Todesstoss für Costolo aber kam von Chris Sacca, einer der frühen Investoren bei Twitter. Er schrieb einen 8500 Worte langen Beitrag, um die Probleme der Firma offenzulegen. Twitter habe die Wall Street immer öfter enttäuscht, schrieb Sacca. Vor allem aber: «Fast eine Milliarde Nutzer haben Twitter ausprobiert – und sind nicht geblieben.» Twitter habe Zweifel an seinem Dienst nicht auszuräumen verstanden. «Man kann dafür weder die Wall Street noch die Presse verantwortlich machen. Twitter hat versäumt, seine eigene Geschichte zu erzählen.» Das wird Costolo vorgeworfen. Er habe den Investoren nicht erklärt, welche Philosophie oder Vision Twitter habe, während Konkurrenten von Facebook bis Instagram davongezogen seien und es verstanden hätten, Nutzer an sich zu binden.

Palastrevolution Costolos

Ende März hatte Twitter 302 Millionen ständige Nutzer im Monat. Das ist fast ein Drittel weniger als vor zwei Jahren, als Costolo das Unternehmen an die Börse brachte. Investoren befürchten, dass Twitter ein Nischenangebot werden könnte, das nur für technisch Versierte interessant sei, nicht aber für das breite Publikum.

Costolo war 2010 Twitter-Chef geworden. Er hatte einen anderen Mitgründer, Ev Williams, in einer Art Palastrevolution entmachtet. Auch jüngst hat er die Firmenspitze von Managern bereinigt, die in den Chor der Kritiker an ihm eingestimmt hatten. Als Costolo Twitter 2013 an die Börse brachte, nahm die Firma damit 1,8 Mrd. $ ein. Heute ist sie 24 Mrd. $ wert. 2014 setzte Twitter 1,4 Mrd. $ um, schrieb aber einen Reinverlust von 578 Mio. $.

James Gellert von Rapid Ratings International führt die Twitter-Misere, ähnlich wie Sacca, auf eine «Unfähigkeit zurück, eine überzeugende Botschaft über Produktentwicklung und Wachstum zu kommunizieren».