TÜRKEI: Präsident Erdogan umwirbt Touristen

Die türkische Ferienbranche steckt tief in einer Krise. Nun nimmt sich der Staatschef persönlich der wichtigen Säule der nationalen Wirtschaft an.

Gerd Höhler/Istanbul
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Ruinen des antiken Troja in der Türkei. (Bild: De Agostini/Getty)

Ruinen des antiken Troja in der Türkei. (Bild: De Agostini/Getty)

Gerd Höhler/Istanbul

Die Ruinen des antiken Troja auf dem Hügel von Hisarlik in der Nordwesttürkei gehören zum Unesco-Weltkulturerbe. Vor allem deutsche Reisende besuchen die 1973 entdeckte Stätte. Aber vergangenes Jahr brach die Zahl der Besucher ein: Nur 229000 Touristen kamen nach Troja nach 491000 im Jahr davor. «Die Zahl der Übernachtungen ging sogar um 65 Prozent zurück», berichtet Armagan Aydeger vom Vorstand der örtlichen Hotelierskammer. Hauptgrund des Einbruchs sei die Sicherheitslage.

Die Terrorwelle überschattet auch Troja. 400 Menschen starben vergangenes Jahr bei Anschlägen in der Türkei. Unter den Opfern waren viele Touristen. Die meisten Attentate gehen auf das Konto kurdischer Extremisten und des Islamischen Staats (IS). Aber auch die innenpoli­tischen Turbulenzen, wie der Putschversuch vom vergangenen Juli, schrecken viele Gäste ab. Die Spannungen mit Russland hinterliessen ebenso Spuren. Nach dem Abschuss eines russischen Bombers durch die türkische Luftwaffe im November 2015 verhängte Kremlchef Wladimir Putin gegen die Türkei Wirtschaftssanktionen. Dazu zählte auch ein Reiseboykott. Die Folge: Im Sommer kamen 80% weniger Russen als im Vorjahr in die Türkei.

Unter dem Strich ging die Zahl der ausländischen Besucher 2016 um gut 30% zurück. Die Einnahmen aus dem Fremdenverkehr fielen ebenfalls um fast ein Drittel. Die Tourismusbranche ist eine wichtige Säule der türkischen Wirtschaft: Sie steuert fast 13% zum Bruttoinlandprodukt bei und stellt gut 8% der Arbeitsplätze. Die Deviseneinnahmen aus dem Reiseverkehr spielen eine wichtige Rolle beim Ausgleich der hoch defizitären türkischen Leistungsbilanz.

Die Aussichten für 2017 sind bestenfalls durchwachsen. Der russische Markt hat sich zwar erholt, nachdem sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan vergangenen Sommer mit Putin aussöhnte. «Wir haben gute Signale aus Russland und erwarten auch, dass sich der europäische Markt verbessert», sagt Tourismusminister Nabi Avci. Von deutschen Reiseveranstaltern hört man allerdings, das Türkei-Geschäft bleibe «schwierig», vor allem wegen der Sicherheitslage.

«Schnapp dir deinen Nachbarn und komm»

Um den Türkei-Tourismus anzukurbeln, legt sich jetzt Erdogan persönlich ins Zeug. Er appelliert an die rund fünf Millionen im Ausland lebenden Türken, mindestens eine Woche ihrer Ferien in der Heimat zu verbringen. 50000 Hochzeiten feierten die Auslandtürken jedes Jahr, rechnet Erdogan vor. «Diese Feste könnte man stattdessen in der Türkei feiern. Ich bitte euch zudem, eure Freunde und Nachbarn mitzubringen», sagte Erdogan. «Wir starten deshalb die Kampagne ‹Schnapp dir deinen Nachbarn und komm›», kündigte der Präsident an.