TÜRKEI: Erdogan setzt die Wirtschaft aufs Spiel

Die politischen Spannungen mit der EU gefährden auch die türkische Wirtschaft, denn die Europäer sind ihr wichtigster Handelspartner und grösster Auslandinvestor.

Gerd Höhler, Istanbul
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Händler warten auf Kunden im Grossen Basar in Istanbul. Wegen der politischen Spannungen bleiben viele Touristen aus. (Bild: Kerem Uzel/Getty)

Händler warten auf Kunden im Grossen Basar in Istanbul. Wegen der politischen Spannungen bleiben viele Touristen aus. (Bild: Kerem Uzel/Getty)

Gerd Höhler, Istanbul

Turkish Airlines war lange erfolgsverwöhnt. Von 2012 bis 2015 stiegen die Passagierzahlen von 39 auf 61 Millionen. Aber 2016 zeigt die Airline den ersten Verlust seit 17 Jahren. 30 Flugzeuge sind eingemottet, 22 Ziele wurden gestrichen. Einst leuchtendes Beispiel des ungestümen wirtschaftlichen Aufschwungs der Türkei, wird die Airline jetzt Symbol des Niedergangs.

Die Wirtschaft war früher Erdogans Trumpfkarte. In seinen elf Jahren als Premier verdreifachte sich das Pro-Kopf-Einkommen. Vom Präsidialsystem, über das die Wähler am 16. April abstimmen, verspricht sich Er­dogan politische Stabilität und Wohlstand. Bis 2023 will er die Türkei unter die zehn weltgrössten Wirtschaftsnationen führen. Dass er dieses Ziel erreicht, wird aber immer unwahrscheinlicher. Lag die Türkei beim Wirtschaftswachstum noch 2010 mit China an der Weltspitze, schwächelt die Konjunktur bereits seit einigen Jahren. Die Hauptgründe: Aufgeschobene Strukturreformen, ein schwaches Bildungs- und Ausbildungssystem, mangelnde Innovationskraft der Industrie, zu geringe Wertschöpfung, massive Kapitalabflüsse. Das Pro-Kopf-Einkommen lag 2015 bei 12400 $, dieses Jahr dürfte es auf 9100 $ fallen. Im 3. Quartal 2016 gab das Bruttoinlandprodukt um 1,8% nach. Die Inflation stieg im Februar erstmals seit fünf Jahren über die 10%-Marke, die Arbeitslosenquote erreichte im Januar mit 12,7% den höchsten Stand seit sieben Jahren.

Zur Strukturschwäche kommen jetzt politische Turbulenzen. Das verunsichert Investoren und Anleger. Schon vergangenes Jahr sanken die ausländischen Investitionen um ein Drittel. Die Ökonomen der Berenberg Bank erwarten, dass die türkische Wirtschaft 2017 stagniert. Das Land sei «gefangen zwischen einer gefährlichen Abhängigkeit von ausländischem, kurzfristig gebundenem Kapital und einer gesellschaftlichen Polarisierung, die immer mehr ausländische und heimische Kapitalgeber, Konsumenten wie auch Touristen verschreckt», sagt Berenberg-Ökonom Wolf-Fabian Hungerland. Seit Erdogan immer mehr Macht auf sich konzentriere, steige die Sorge über die Investitionssicherheit. Mit seiner Konfliktstrategie gegenüber Europa riskiert Erdogan jetzt die Zukunft der türkischen Wirtschaft. Über die Hälfte ihrer Exporte gehen in die EU, aus deren Staaten auch die meisten Investitionsgelder in die Türkei fliessen. Aber jetzt gebe es eine Investitionszurückhaltung, heisst es seitens des deutschen Maschinenbauverbandes. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag meldet, die Geschäftsanfragen für die Türkei hätten sich 2016 halbiert. Auch im Tourismus spielten deutsche Gäste früher eine Hauptrolle in der Türkei. Doch laut den Marktforschern der Firma GfK lagen die Türkei-Buchungen Ende Januar um 58% unter den bereits schwachen Vorjahreszahlen.