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TÜRKEI: Boom mit Fragezeichen

Am Bosporus legt die Konjunktur trotz politischer Spannungen stark zu. Doch der Aufschwung könnte von kurzer Dauer sein.
Gerd Höhler
Blick in die Produktion des türkischen Luft- und Raumfahrtkonzerns TAI. (Bild: Metin Aktas/Getty (Ankara, 27. September 2017))

Blick in die Produktion des türkischen Luft- und Raumfahrtkonzerns TAI. (Bild: Metin Aktas/Getty (Ankara, 27. September 2017))

Gerd Höhler

Die türkische Wirtschaft wird in diesem Jahr die Wachstumsprognosen deutlich übertreffen – trotz innenpolitischer Polarisierung, trotz der Kriege in den Nachbarländern Syrien und Irak und trotz der wachsenden politischen Spannungen mit Europa und den USA. Experten äussern aber Zweifel an der Nachhaltigkeit des Booms am Bosporus.

Erst Anfang Oktober hatte die Ratingagentur Fitch ihre Vorhersage für die Türkei deutlich heraufgesetzt: Statt 4,7 Prozent Wachstum wie noch im Juni erwartet die Agentur jetzt ein Plus von 5,5 Prozent. Doch auch diese Prognose ist wahrscheinlich bald Makulatur. Die türkische Regierung rechnet für dieses Jahr mit einem Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von mehr als sechs Prozent. Nachdem die Wirtschaftsleistung in den ersten beiden Quartalen bereits um jeweils 5,1 Prozent zulegte, erwartet Wirtschaftsminister Nihat Zeybekci für das dritte Vierteljahr ein Wachstum von 9,6 Prozent. Manche Experten gehen sogar von einem zweistelligen Zuwachs aus.

Staatliche Konjunkturspritzen

Für den Boom am Bosporus gibt es mehrere Gründe. Sie deuten aber nicht unbedingt auf ein nachhaltiges Erstarken der türkischen Wirtschaft hin. Das im dritten Quartal zu erwartende Rekordwachstum von rund zehn Prozent ist vor allem dem schwachen Vergleichsquartal 2016 geschuldet. Damals schrumpfte die Wirtschaft um 0,8 Prozent – eine Folge des Putschversuchs vom Juli, der darauf folgenden politischen Turbulenzen und der Krise im Tourismus. Die Regierung versuchte gegenzusteuern. Mit staatlichen Kreditbürgschaften förderte sie die Darlehensvergabe an kleine und mittelgrosse Unternehmen. Steuervorteile kurbelten den privaten Verbrauch an. Mit Subventionen für Charterflieger und Kreuzfahrtschiffe versuchte die Regierung zudem, den Tourismus anzukurbeln, notleidende Hoteliers kamen in den Genuss von Steuerstundungen.

Neben den staatlichen Konjunkturspritzen profitierte die türkische Wirtschaft auch davon, dass wieder vermehrt Risikokapital ins Land strömt. Nachdem im Jahr 2015 ausländisches Kapital von rund neun Milliarden Dollar die Türkei verlassen hatte und im vergangenen Jahr der Nettozufluss lediglich 1,4 Milliarden betrug, kamen 2017 bereits rund zehn Milliarden Dollar ins Land. Ein Grossteil dieses «heissen Geldes» floss in den Aktienmarkt und in türkische Staatsanleihen, mit denen Anleger überdurchschnittliche Renditen erzielen konnten.

Bei den ausländischen Direktinvestitionen hapert es dagegen. Viele Investoren scheuen die politischen Risiken, die sich aus dem zunehmend konfrontativen Kurs des Staatschefs Recep Tayyip Erdogan gegenüber der EU und neuerdings auch gegenüber den USA ergeben. Experten wie der Istanbuler Ökonom Mustafa Sönmez äussern deshalb Zweifel an der Nachhaltigkeit des Aufschwungs. Er glaube nicht daran, dass sich der mit «heissem Geld» angefachte Boom im kommenden Jahr durchhalten lasse, schreibt Sönmez. Zumal grundlegende Strukturschwächen der türkischen Wirtschaft wie die Defizite im Bildungswesen sowie die schwache Innovationskraft, die geringe Wertschöpfung und die niedrige Produktivität der Industrie weiter ungelöst sind.

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