Tsipras und das Votum der Märkte

Noch vor wenigen Monaten schienen die Turbulenzen in und um Griechenland nicht enden zu wollen. Die europäische Politik, angelsächsische Nobelpreis-Ökonomen und Medien zogen sich gegenseitig in einer Spirale des Misstrauens nach unten. Der Grexit stand wieder in aller Munde.

Mikio Kumada, LGT
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Noch vor wenigen Monaten schienen die Turbulenzen in und um Griechenland nicht enden zu wollen. Die europäische Politik, angelsächsische Nobelpreis-Ökonomen und Medien zogen sich gegenseitig in einer Spirale des Misstrauens nach unten. Der Grexit stand wieder in aller Munde.

Antieuropäer ausmanövriert

Nach der Einigung im Schuldenstreit haben sich Märkte und Politik, zumindest vorerst, beruhigt. Premier Alexis Tsipras, der den Deal ausgehandelt hatte, wurde in vorgezogenen Neuwahlen deutlich im Amt bestätigt. Die innerparteiliche Opposition, die das Rettungspaket ablehnte und für die Rückkehr zur Drachme eintrat, spaltete sich von der Regierung ab, schaffte es aber dann nicht einmal ins Parlament.

Wirkte der Zickzackkurs des jungen Politikers zunächst wie der wirre Überlebenskampf eines gejagten Tiers, so wird im Nachhinein sichtbar: Tsipras hat dem Volk letztlich nur die Tatsachen vor Augen geführt und die Antieuropäer in der eigenen Partei ausmanövriert. Das neue Reformpaket ist jetzt jedenfalls demokratisch legitimiert.

Griechische Anlagen im Plus

Doch wie lautet das Votum der Finanzmärkte? Die Anleger beschäftigen sich inzwischen mit anderen Problemen: Mit Chinas Währungsabwertung, Amerikas Aufschiebung der Zinserhöhung oder Russlands Militärintervention in Syrien. An den globalen Märkten hat sich die Stimmung daher deutlich eingetrübt. Im Gegensatz dazu haben sich griechische Finanzanlagen aber sehr gut entwickelt.

Nehmen wir den 3. August, den ersten Handelstag an der Athener Börse nach dem Deal, als Ausgangspunkt, dann hat der MSCI World seitdem 4,4% verloren. Beim SMI sind es knapp 8%, beim DAX sogar 12%. Griechenlands FTSE/ASE 20 ist hingegen um 1,7% gestiegen. Nehmen wir die vier Bankentitel im Index heraus, dann ist dieser sogar um 13% gestiegen (die Bankaktien werden im Rahmen des Reformpakets rekapitalisiert, was zu einer extremem Verwässerung der Aktionäre führen dürfte).

Märkte insgesamt zufrieden

Die Kurse griechischer Staatsanleihen sind um 37% gestiegen – höhere Gewinne gab es in diesem Zeitraum weltweit in keiner anderen Anlageklasse. Die Märkte sind also insgesamt zufrieden mit dem griechischen Verhandlungsergebnis – und das trotz des eingetrübten globalen Marktumfelds.

Chancen sind intakt

Das neue Reformpaket ist in seinen Zielen realistischer als die früheren Pakete. Sobald Athen zudem konkrete Fortschritte vorweisen kann, soll es auch durch die quantitative Lockerung der Europäischen Zentralbank flankiert werden. Auch das unterscheidet es von den vorherigen, politisch scheint sich die Lage in Griechenland generell stabilisiert zu haben. Auch wenn es an Risiken nicht mangelt, und wir weiterhin mit hoher Volatilität rechnen müssen: Die Chancen stehen gar nicht so schlecht, dass sich die Erholung am Ende doch als dauerhaft erweist.