Siemens schwört der Schweiz die Treue

Der deutsche Industriegigant Siemens wandelt sich, viele Mitarbeiter sind ob des Konzernumbaus verunsichert. Der Standort Schweiz zählt aber zu den Gewinnern – vor allem auch Zug.

Niklaus Vontobel
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Siemens-Mitarbeiterinnen bei der Montage, genauer: Lötarbeiten von Radioapparaten 1943 in Zürich. (Bild: PD/Siemens)

Siemens-Mitarbeiterinnen bei der Montage, genauer: Lötarbeiten von Radioapparaten 1943 in Zürich. (Bild: PD/Siemens)

Die schweizerische Regionalgesellschaft von Siemens lud am Mittwoch die Medien zu einem Jubiläum. 125 Jahre ist es her, dass hierzulande erstmals Mitarbeiter des heutigen Industriegiganten tätig waren. Sie hatten im Kanton Bern den Auftrag, den Bau eines Flusskraftwerks zu leiten. Im Jahr 2019 legt der deutsche Konzern eine Art von Treuegelöbnis zur Schweiz ab. Im Titel der Pressemitteilung heisst es in dicken Lettern: «Die Schweiz ist wichtig für Siemens».

Auch die letzten Zweifel sollen anscheinend zerstreut werden. Wohl darum lässt der Chef von Siemens Schweiz, Matthias Rebellius, sich noch zitieren mit den Worten: Man wolle in der Schweiz «in den kommenden Jahrzehnten eine prägende Rolle spielen».

«Überaus positives Zeichen für Wirtschaftsstandort»

Derlei Treueschwüre mögen zwar an Fussballmanager in Krisenzeiten erinnern: dem Trainer das Vertrauen aussprechen, ihn tags darauf feuern. Im Falle von Siemens dürfte die Erklärung ­jedoch der Wandel der letzten Jahre sein. Der Konzern erfindet sich neu – die Mitarbeiter sind verunsichert. Nackte Angst herrsche an vielen Standorten, lautete eine typische Schlagzeile in Deutschland. Doch die Schweiz wurde im weltweit agierenden Konzern deutlich gestärkt.

Den Wandel erklärt der oberste Chef von Siemens, Joe Kaeser, gerne bildhaft: Aus einem schweren Tanker wird eine Flotte schneller Boote. Und diese Schnellboote können bei Bedarf rasch von der Flotte abgetrennt werden. So brachte Kaeser die Gesundheits-Division an die Börse. Kürzlich kündigte er an, die Energie-Division (Gas and Power) werde bald folgen.

Die Folge: Bald wird es nur noch zwei Schnellboote geben, die Siemens direkt operativ führt. Eines davon – Smart Infrastructure – hat seit April 2019 seinen globalen Hauptsitz in der Schweiz, in Zug. Seither werden deshalb von dort aus weltweit rund 71'000 Mitarbeiter geleitet, die einen Umsatz von rund 14 Milliarden Euro erwirtschaften. Der oberste operative Verantwortliche über dieses Reich ist zugleich der Chef von Siemens Schweiz, Matthias Rebellius. Vor diesem Hintergrund ist es wohl nicht übertrieben, wenn Rebel­lius von einem «überaus positiven Zeichen für den hiesigen Wirtschaftsstandort» spricht. Total arbeiten in der Schweiz derzeit 1730 Mitarbeiter für die Division Smart Infrastructure in Zug. Dazu kommen Mitarbeiter, die für Siemens den Schweizer Markt bedienen, sowie Mitarbeiter von verschiedenen Tochtergesellschaften. So kommt Siemens Schweiz total auf 5740 Mitarbeiter und zählt zu den grössten industriellen Arbeitgebern.

Ein globaler Industriekonzern wandelt sich – und die Schweiz geht aus dem Wettbewerb der Standorte als Gewinner hervor. Das war auch schon anders, nämlich als das Geschäft mit Gaskraftwerken einbrach. Der US-Industriegigant General Electric baute daraufhin in der Schweiz anteilsmässig mehr Arbeitsplätze ab als in Frankreich. Dabei war wohl schlicht Pech mit im Spiel, wie nun das Beispiel Siemens zeigt. Siemens ist auch stark engagiert bei Gaskraftwerken – und strich als Teil seines Wandels ebenfalls Tausende von Stellen. Nicht aber in der Schweiz. Aus einem simplen Grund: Siemens beschäftigt hierzulande in diesem Bereich kaum Mitarbeiter.