Treiben sich Streaming-Anbieter wie Netflix und Disney mit ihrem Konkurrenzkampf in den Ruin?

In der Schweiz dominiert Netflix den Streaming-Markt. Doch Disney hat dem Streamingriesen viele Inhalte entzogen und schaltet auf Angriff. Kann das funktionieren, bevor jemand pleite geht?

Stefan Ehrbar
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Netflix ist der beliebteste Streamingdienst der Schweiz. Doch er muss sich neu erfinden.

Netflix ist der beliebteste Streamingdienst der Schweiz. Doch er muss sich neu erfinden.

Keystone

Ein mysteriöser Professor und acht von ihm angeheuerte Gangster überfallen die Banknotendruckerei von Spanien. So beginnt die Serie «Money Heist». Sie ist in der Schweiz der derzeit beliebteste Inhalt des US-Streamingdiensts Netflix. Mittlerweile ist er die unangefochtene Nummer 1. Das zeigt eine am Mittwoch veröffentliche repräsentative Umfrage des Vergleichsportal moneyland.ch.

Demnach nutzen 45 Prozent der Befragten Netflix - doppelt so viele wie noch vor zwei Jahren. Rund ein Drittel der Bevölkerung zwischen 18 und 74 Jahren zahlt für die Nutzung des Dienstes. Damit hat Netflix sechsmal mehr Nutzer als Amazon Prime Video und 15-mal mehr als Sky Show. 

Netflix profitiert von Fernsehanbietern

Netflix profitiert vom vergleichsweise frühen Markteintritt im Jahr 2014. Die Dienste von Amazon und Sky sind erst seit gut zwei Jahren in der Schweiz nutzbar. Hinzu kommt, dass die beiden grössten Fernsehanbieter, die Swisscom und UPC, Netflix schon früh auf ihren Plattformen eingebunden haben. Das vereinfacht die Nutzung.

Seit einigen Tagen integriert die Swisscom nun zumindest den Netflix-Rivalen Sky Show ebenfalls. Doch die grösste Gefahr für Netflix kommt von anderer Seite. Bisher punktete der US-Dienst mit seinen Inhalten. Mit etwa 4'500 Filmen und Serien hat Netflix zwar nicht den grössten Katalog, jener von Amazon ist etwa deutlich grösser. Doch bisher gelang es Netflix, den Nerv der Zuschauer zu treffen.

Disney entzieht Netflix Inhalte

Netflix hat neben teuren und erfolgreichen Eigenproduktionen wie «Stranger Things» viel Geld investiert, um externe Inhalte einzukaufen. Für die Sitcom «Friends» soll Netflix 2015 etwa 100 Millionen Dollar hingeblättert haben. Beliebt sind bei Netflix aber auch Kinder- und Familienfilme. Dafür setzte der Streamingdienst auf eine Partnerschaft mit Disney, die es ihm ermöglichte, Filme aus dem Superhelden-Universum von Marvel, der Animationsschmiede Pixar oder aus der Star-Wars-Reihe anzubieten.

Damit ist nun allerdings Schluss. Disney hat seinen neuen Streaming-Dienst Disney+ vor drei Wochen auch in der Schweiz lanciert. Künftig sollen Inhalte aus seinem Reich nur noch dort laufen, ebenso wie jene von 20th Century Fox, jenem US-Studio, das Disney 2019 für 71 Milliarden Dollar gekauft hat. 

Disney+ noch lange ohne Gewinn

Noch eine Ausnahme bilden die Inhalte für ein erwachseneres Publikum wie «Grey's Anatomy», an denen Disney die Rechte hält. In den USA bietet Disney diese im eigenen Streaming-Dienst Hulu an. In Europa wurden die Rechte an andere Anbieter wie etwa Sky oder Netflix weitergegeben.

Ex-Disney-Chef Bob Iger verkündete kurz vor seinem Rücktritt Ende Februar aber, Disney wolle Hulu international ausrollen. Könnte der Konzern all diese Inhalte auf der ganzen Welt exklusiv anbieten, kämen die anderen Anbieter weiter unter Zugzwang.

Nur zwei Prozent zahlen für mehrere Dienste

Solche Manöver sind nicht von heute auf morgen umsetzbar. Die Verträge laufen meist über Jahre und sind kompliziert ausgestaltet. So kann Netflix bereits ab 2026 wieder Disney-Filme anbieten, die aktuell entstehen. Um sich abzuheben, müssen alle Anbieter deshalb in eigene Inhalte investieren. Amazon gibt etwa für eine neue Serie aus dem «Herr der Ringe»-Universum laut dem «Hollywood Reporter» fast eine Milliarde Dollar aus.

Dieses Wettrüsten könnte böse enden. Profitabel ist das Geschäft derzeit nicht. Alleine Netflix rechnet für 2019 mit einem negativen freien Cashflow von 2,5 Milliarden Dollar - und das ist noch ein guter Wert im Vergleich zu den letzten Jahren. Disney+ dürfte laut dem «Spiegel» nicht vor 2024 profitabel sein. Und die Nutzer, das zeigt die Umfrage von moneyland.ch, ziehen nicht mit: Nur eine Minderheit ist bereit, für mehrere Dienste zu bezahlen. Unter den Kunden von Netflix, Sky und Amazon sind es derzeit in der Schweiz zwei Prozent.

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