TICKETPREISE: Fliegen zum Nulltarif

Ryanair-Chef Michael O’Leary will mittelfristig kostenlose Flüge anbieten. Die Einnahmen sollen über Shopping am Flughafen generiert werden. Aber ist das auch realistisch?

Adrian Lobe
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Das Geschäft am Flughafen soll die Flüge in Zukunft finanzieren. Experten haben Zweifel. (Bild: Ralph Ribi (Kloten, 28. Juni 2015))

Das Geschäft am Flughafen soll die Flüge in Zukunft finanzieren. Experten haben Zweifel. (Bild: Ralph Ribi (Kloten, 28. Juni 2015))

Adrian Lobe

Kaum eine Dienstleistung hat sich in den vergangenen Jahren so verbilligt wie das Fliegen. Zwischen 1965 und 2000 sind allein in den USA die Ticketpreise um 50% gefallen. War Fliegen in den 1950er-Jahren noch ein Privileg der Oberschicht, sind Flugzeuge heute ein Transportmittel für jedermann. Möglich machten diese Demokratisierung des Reisens nicht zuletzt Billigfluggesellschaften wie Ryanair und Easyjet, die mit Dumping-Preisen den Markt durcheinanderwirbelten. Ein Flug mit Ryanair kostet im Durchschnitt umgerechnet 46 €. Ryanair warb in den USA mit einem Seitenhieb auf Hillary Clintons niedrige Umfragewerte mit dem Spruch: «Das einzige, was niedriger ist als unsere Preise? Hillarys Chancen in Alabama.» Preisbrecher wie Ryanair sind etablierten Carriern wie Lufthansa oder Air France ein Dorn im Auge. Nicht nur wegen der Rabatte auf die Flughafen­gebühr, sondern auch wegen der Personalpolitik. Viele Piloten arbeiten als Scheinselbstständige.

Geld verdienen mit Flughafeneinnahmen

Doch nun will Ryanair-Chef ­Michael O’Leary weiter an der Preisspirale drehen. Sein Ziel sind kostenlose Flüge. «Ich habe die Vision, dass in den nächsten fünf bis zehn Jahren die Tarife bei Ryanair umsonst sind», sagt er. «In diesem Fall werden die Flüge ausgebucht sein, und wir werden unser Geld damit verdienen, die Flughafeneinnahmen zu teilen und einen Anteil an den Shopping- und Einzelhandelserlösen bekommen.»

Die Rechnung sieht vereinfacht so aus: Ryanair drückt die Flughafengebühren und Steuern auf ein Minimum und versucht die Kosten über Bordverpflegung und Zusatzleistungen wie Gepäckaufgabe und Sitzplatzauswahl reinzuholen. «An vielen Flughäfen zahle ich schon 20 £ an Passagierabgaben und Gebühren», sagte O’Leary. «Wenn ich das zurückstutze, warum nicht? Ich verkaufe diese Woche Sitze zu vier Pfund und zahle die 13 Pfund Luftverkehrsabgabe drauf. Ich zahle, damit Sie mit mir fliegen können.» Wird Fliegen zu einem Konsumerlebnis, wo man keinen Eintritt zahlt und die Einnahmen über den Verkauf von Waren generiert werden?

George Hoffer ist emeritierter Professor für Transportökonomie an der University of Richmond und hat die Preisstrategie von Ryanair studiert. Im Gespräch mit dieser Zeitung sagt er: «O’Leary hat im Grunde das ­vorgeschlagen, was Ökonomen ein Tie-in-sale nennen. Bei diesen Kopplungsverkäufen gibt es ein Hauptprodukt, in diesem Fall das Fliegen, und Nebenprodukte wie Gepäckkosten, Parkgebühren, Essen und so weiter.» Klassische Kopplungsverkäufe sind zum Beispiel Nassrasierer oder Drucker, wo die Klingen respektive Druckerpatronen separat gekauft werden müssen. «Die Flughäfen subventionieren Ryanair schon dermassen, dass die Billigfluglinie faktisch Tickets zum Nulltarif anbietet und die Kosten über Zusatzgebühren reinholt», so Hoffer. «Der Punkt ist, dass Flughäfen Parkgebühren, Pacht für Geschäfte und Preise in Cafés erhöhen müssen, um die Flug­hafengebühren weiter senken zu können.»

«Irgendjemand muss bezahlen»

Die Manchester Airports Group, der Eigner des Flughafens London Stansted, wo 80% der Passagiere mit Ryanair fliegen, hat einen Zehnjahresvertrag mit der irischen Billigfluglinie geschlossen, nachdem sie 2013 den Flughafen für 1,5 Mrd. £ Pfund aufgekauft hatte. Obwohl die Zahl der Passagiere in Stansted im vergangenen Jahr um 11% auf 23,1 Mio. gestiegen ist, sind die Einnahmen von 148 Millionen Pfund auf ­ 141 Mio. £ geschrumpft. Pro Passagier kalkuliert die Betreiber­gesellschaft mit 5,7 £ Ausgaben (inklusive Parkieren). Keine hohe Margen, doch die Menge macht’s. Ryanair erwartet bis 2024 ein Wachstum auf 200 Mio. Passagiere. Und die sollen nicht nur fliegen, sondern auch shoppen. Aber rentiert sich das? «Generell gibt es kein free lunch», sagt Transportökonom Hoffer. «Irgendjemand muss bezahlen.» Entweder ist es der Steuerzahler durch die Subventionierung von Regionalflughäfen oder weniger preisorientierte Kunden.

Auch Rob Britton, Professor an der McDonough School of Business und Gastdozent an der HSG St. Gallen, hat Zweifel. «Michael O’Leary ist ein guter Manager, aber auch ein Show-Mensch, der gerne übertreibt», teilt er auf Anfrage mit. «Ryanair hat ein ­robustes Geschäftsmodell auf­gebaut, was dazu beitrug, die ­Ticketpreise zu drücken. Aber es bedürfte einiger Dienstleistungen mehr, um den Preis auf Null zu fahren.» Dem Unterbietungswettbewerb der Billigflieger seien Grenzen gesetzt.

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