THURGAUER TECHNOLOGIETAG
«Der Kunde fühlt sich abgeholt» – Topmanager Thomas Ahlburg über vorbildliche Digitalisierung – und was Digitalisierung nicht ist

Die Industrie hat gegenüber dem Onlinehandel noch Aufholpotenzial in der Digitalisierung. Das sagt Ex-Stadler-Chef Thomas Ahlburg, nennt aber auch vorbildliche Firmen. Wenig hält er von Beratern.

Thomas Griesser Kym
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Thomas Ahlburg über eine Studie zum Thema Digitalisierung: «Extrem viel Blabla, aber wenig Substanz.»

Thomas Ahlburg über eine Studie zum Thema Digitalisierung: «Extrem viel Blabla, aber wenig Substanz.»

Reto Martin (Bussnang, 16. Juni 2018)

Die Digitalisierung birgt viel Potenzial, das ist gewiss. Das weiss auch Thomas Ahlburg, früherer Chef des Bahnbauers Stadler. Bevor er als Referent am virtuellen «Thurgauer Technologietag kompakt» aber auf das Potenzial und auf beispielhafte Firmen zu sprechen kommt, sagt Ahlburg, was Digitalisierung nicht ist:

«Eine Website, eine E-Mail-Adresse und Excel-Tabellen.»

Abgesehen von Unternehmen, die meinen, mit so einem Auftritt im Internet sei es getan, stösst Ahlburg noch etwas anderes sauer auf: «Am meisten pushen Berater das Thema Digitalisierung.» Doch gehe es diesen in erster Linie darum, ihre eigenen Leistungen zu verkaufen. Und dabei handelt es sich oft um heisse Luft, wie den Ausführungen Ahlburgs zu entnehmen ist, der als Beleg eine Studie einer grossen Beratungsgesellschaft mit vier Buchstaben mit den Worten abqualifiziert:

«Brutal viel Blabla, aber wenig Substanz.»

Individuelle Interaktion mit Kunden

Wo nun ortet aber Ahlburg namentlich in der Industrie Potenzial in der Digitalisierung? Zum einen in der Erfassung von Daten, um Produkte besser zu machen. Zum anderen in der individuellen Interaktion mit Kunden. «Die Detailhändler sind hier weiter als die Industrie», sagt Ahlburg und verweist als Beispiel darauf, dass einem Kunden, der in einem Onlineladen etwas bestellt, oft auch noch dazu passende Produkte vorgeschlagen werden.

Drittens nennt Ahlburg ergänzende Serviceleistungen, und viertens könnten sich dank der Digitalisierung Maschinen selber optimieren. Ahlburg weiss das aus seiner Erfahrung als neuer Verwaltungsrat der Schmid Energy Solutions in Eschlikon, die Holzfeuerungsanlagen herstellt, die das tun.

Spühl und ihr Online-Ersatzteilkatalog

Es geht in der Digitalisierung laut Ahlburg also im Wesentlichen darum, bestimmte Lösungen zu finden und zusätzliche Leistungen anbieten zu können. Dies illustriert er anhand dreier Unternehmen.

Da ist zum einen die Spühl GmbH in Wittenbach, die Anlagen zur Herstellung von Matratzen baut. Spühl bereitet Daten des Engineerings kundenfreundlich auf und bietet so einen Online-Ersatzteilkatalog samt Warenkorb, Verfügbarkeit der Teile und Preisen. Ahlburg sagt:

«Das wirkt banal, bringt aber den Kunden einen erheblichen Nutzen.»

Denn: «Der Kunde fühlt sich abgeholt, und Spühl bekommt ein Gespür für die Teile und für Verbesserungen der Maschinen.»

Stadler vermisst Drehgestelle mit Laserscanning

Das zweite Beispiel, und darum kommt Ahlburg nicht drum herum, betrifft seinen früheren Arbeitgeber Stadler, genauer dessen Tochter Stadler Winterthur, die Drehgestelle entwickelt und baut. Hier optimiert die Digitalisierung die Ausmessung der Längsträger der Drehgestelle. Denn diese Träger sind gross, schwer und unhandlich. Konventionelle Methoden zur Ausmessung sind taktile Messungen mit digitalen Einzelpunkten oder auf analoge Art mit Lehren. Ahlburg sagt:

«Das ist mühsam und kostet Zeit und Geld.»
Fertigung von Drehgestellen bei Stadler Winterthur.

Fertigung von Drehgestellen bei Stadler Winterthur.

Bild: Marc Dahinden (6. Februar 2019)

Die Lösung: Stadler vermisst die Träger nun mittels Laserscannings. So können pro Sekunde 80'000 Bildpunkte aufgenommen werden und das Verfahren ist auf drei hundertstel Millimeter extrem genau. Das Laserscanning schafft einen digitalen Zwilling des Trägers, und so ist beim Abgleich mit dem 3D-CAD-Modell ersichtlich, ob alles korrekt geschweisst wurde, mit der richtigen Temperatur usw. Ein weiterer Vorteil: Das Laserscanning geschieht anders als bei den konventionellen Methoden während der Produktion, der Träger kann also in der Fertigungslinie bleiben.

Rohrleitungen nicht nur reinigen, sondern auch inspizieren und sanieren

Und es geht noch weiter: Bauteile können mit RFID-Tags versehen werden, also mit Funkchips, welche die komplette Historie des Teils speichern. Laut Ahlburg sind die SBB im Rahmen eines Projekts mit Stadler an solch einer kompletten Bauteilehistorie interessiert. Das würde beispielsweise ein perfektes Timing der Wartung von Zügen exakt während Leerzeiten erlauben.

Ein drittes Beispiel ist die ISS Kanal Services AG, eine Firma für die Kanalreinigung. Dieses Angebot hat ISS mittlerweile erweitert um die Kanalinspektion und Kanalsanierung. Dazu lässt sie einen Roboter durch die Kanäle fahren. Dieser erfasst den Zustand der Kanäle an jedem Punkt, und dank der Nutzung von Geodaten ist präzise ersichtlich, wo der Kanal allenfalls einer Sanierung bedarf. Kunden können diese Daten in einer Cloud abrufen – gegen Bezahlung natürlich.