Thurgauer Technologie im Ozean

Ein hochfestes Schutznetz für Fischfarmen haben die Romanshorner Geobrugg AG und das Tägerwiler Institut für Werkstoffsystemtechnik Thurgau (WITg) zusammen entwickelt. Die erste Installation ist in Chile erfolgt.

Martin Sinzig
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Begutachten die frisch produzierten Fishfarming-Schutznetze der Geobrugg AG: Philipp Seemann (links) und Urs Dornbierer. (Bild: Reto Martin)

Begutachten die frisch produzierten Fishfarming-Schutznetze der Geobrugg AG: Philipp Seemann (links) und Urs Dornbierer. (Bild: Reto Martin)

ROMANSHORN. Hochspezialisierte Maschinen fertigen in der Produktionshalle der Geobrugg AG wöchentlich Tausende Quadratmeter eines hochfesten, rostfreien Stahlnetzes, das für den weltweiten Einsatz in Lachsfarmen geeignet ist. «Wir sind von den Bestellungen überrannt worden», freut sich Business Development Manager Urs Dornbierer.

Eine erste Installation ist im vergangenen Herbst in Chile erfolgreich verlaufen. Das Netz umschliesst die aus Nylon bestehenden Fischnetze und schützt die Lachszucht vor allem vor Predatoren, also Meeresraubtieren. Bereits Ende vergangenen Jahres gingen bei der Geobrugg zwei weitere Bestellungen über je 34 000 Quadratmeter ein. «Jetzt gilt es ernst», sagt Dornbierer.

Stahl ersetzt Kunststoffe

Das Romanshorner Unternehmen trifft auf einen ausgesprochenen Wachstumsmarkt. Weil der Bedarf an Fisch ständig zunimmt und der Wildfang diesen Bedarf längst nicht mehr decken kann, kommt dem Fishfarming in Aquakulturen eine stetig wachsende Bedeutung zu. Der Fischverbrauch soll von heute gut 150 Mio. Tonnen im Jahr bis 2030 auf 200 Mio. Tonnen steigen. Aquakulturen bieten zudem eine Möglichkeit, den künftigen Bedarf an Eiweissquellen zu befriedigen.

Bisher eingesetzte Netzmaterialien und Käfigsysteme erlauben ein Fishfarming nur in begrenzten Küstenregionen, was unter anderem grosse nutzbare Kapazitäten ausschliesse, weiss Philipp Seemann, promovierter Ingenieur und Projektleiter am WITg. Gemeinsam mit der Geobrugg wurde deshalb ein hochfester rostfreier Stahldraht entwickelt, der Netzsystemen mit kunststoff- oder kupferhaltigen Überzügen ökologisch wie funktionell überlegen ist.

Zwar verfügt die Geobrugg über grosses Know-how in der Verarbeitung hochfester Stahldrähte, doch die neue Anwendung stellte vielfältige Anforderungen. Deshalb zog das Unternehmen das WITg aus Tägerwilen hinzu, was zu einer intensiven, dreijährigen Zusammenarbeit im Rahmen eines vom Bund geförderten KTI-Projekts führte.

Vielfältige Anforderungen

In umfangreichen Laborversuchen in Tägerwilen und in Feldtests an neun weltweiten Versuchsstandorten sowie mittels einer Pilotinstallation in Chile wurde das neue Schutznetz ausgelegt. Es hat die Anforderungen bezüglich Durchströmung und Korrosionsbeständigkeit zu erfüllen, soll aber ebenso drei Meter hohen Wellen sowie dem Biofouling (biologische Verschmutzung) widerstehen. Die Zusammenarbeit war umfassend und reichte von der Suche nach der richtigen Drahtlegierung über die Verarbeitung bis zur Marktakzeptanz und zum Preis. «Das neue Netz der Geobrugg ist für eine deutlich höhere Lebensdauer ausgelegt und für den weltweiten Einsatz konzipiert», resümiert Seemann.

Fähiger Entwicklungspartner

Das Projekt demonstriere einmal mehr die Fähigkeit und Kompetenz des WITg als Entwicklungspartner bei komplexen und interdisziplinären Projekten. Auch aus Sicht der Geobrugg funktionierte die Zusammenarbeit hervorragend. «Das WITg war für uns fast wie eine interne Entwicklungsabteilung», lobt Dornbierer. Die Aussichten für weitere Bestellungen stünden gut und damit die Chancen, in einem neuen interessanten Markt Fuss zu fassen, der jährlich um etwa 10% expandiert. Gemäss Geschäftsmodell könnte das neue Anwendungsgebiet für hochfeste Stahldrähte zu einer massgeblichen Produktionssteigerung in Romanshorn führen.

Führend bei Naturgefahren

Bisher ist die Geobrugg AG globale Marktführerin im Bereich Naturgefahren mit Steinschlag-Schutzsystemen, Hangsicherungen, Murgang-Schutzsystemen und Lawinennetzen. Auch der Bereich Security Engineering entwickelt sich. Die zunehmende Standardisierung im Hauptmarkt sowie die anhaltende Frankenstärke veranlasste das Unternehmen aber, nach neuen Anwendungen für seine hochfesten Stahldrahtgeflechte zu suchen.