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Thomas Jordan, der Durchschnittsschweizer

Der Nationalbank-Chef eckt mit seiner Minuszinspolitik überall an. Darin besteht sein grösster Verdienst.
Daniel Zulauf
Nationalbank-Chef Thomas Jordan vergangene Woche mit der neuen 100-Franken-Banknote. (Bild: Keystone, 12. September 2019)

Nationalbank-Chef Thomas Jordan vergangene Woche mit der neuen 100-Franken-Banknote. (Bild: Keystone, 12. September 2019)

Thomas Jordan ein Durchschnittsschweizer? Allein schon dessen Position als Chef der vielleicht mächtigsten Institution im Land lässt diese Beschreibung widersinnig erscheinen. Sichtbar aus der Menge sticht der frühere Wasserballspieler auch mit seiner Körpergrösse von stolzen 1,90 Metern und seinen breiten Schultern. In der Ökonomenzunft geniesst Jordan den Ruf eines herausragenden Geldtheoretikers. Und in der breiten Öffentlichkeit kennt man ihn als jenen Mann, der am 15. Januar 2015 die Verteidigung des Euromindestkurses aufgab und der Schweiz so eine wirtschaftliche Rosskur verordnete.

Doch für den 56-jährigen ist der Durchschnittsbürger das Mass aller Dinge. Das sagt er freilich in ganz anderen Worten. Wenn er auf einem Podium seine Motive für die Fortsetzung der bald fünfjährigen Minuszinspolitik erklären soll, spricht er vom «Gesamtinteresse unseres Landes». Dabei weiss der Schweizer Nationalbank-Chef sehr genau, dass sich die Freude der Schweizer über sein Engagement in zunehmend engen Grenzen hält.

Für die Bankenlobby ist Thomas Jordan längst der Buhmann. Die Branche ächzt unter der wachsenden Konkurrenz neuer Anbieter und klagt immer lauter über die Kosten, die ihr die Notenbankpolitik und die damit verbundene Verschärfung der regulatorischen Auflagen bescheren.

Auch bei den Gewerkschaften hat Jordan einen schweren Stand. Die Aufgabe des Mindestkursregimes sei ein Fehler gewesen, heisst es aus dieser Ecke. Der teurere Franken hat die internationale Wettbewerbsposition vieler Unternehmen schlagartig verschlechtert und den Spielraum für Lohnerhöhungen stark eingeschränkt. Manche Patrons wie der Uhrenunternehmer Nick Hayek (Swatch Group) solidarisierten sich öffentlich mit den Arbeitnehmerorganisationen; ein Vorgang von historischer Seltenheit.

Bei den angehenden Pensionären weckt Jordans Politik Sorgen um die künftigen Renten. Sie stellen sich die Frage: Wie sollen die Pensionskassen die dafür nötigen Erträge generieren, wenn sie keine zinstragenden Anlagen mehr finden und der Bevölkerungsnachwuchs dünner und dünner wird?

Jordan will das Manöver von 1978 umgehen

Jordan hat in den vergangenen Jahren also kaum neue Freunde gewonnen. Dennoch hat sich in der Politik bislang niemand ernsthaft getraut, am autonomen Status der Nationalbank zu rütteln.

Das wäre mit Sicherheit anders, wenn die Unzufriedenheit über die Mindestzinspolitik offensichtlich ungleich verteilt wäre. Denn nichts vermag dem Ruf einer Notenbank mehr zu schaden, als wenn sie sich zur Advokatin einzelner Interessengruppen macht. Diesen Fehler haben Jordan und seine zwei Mitentscheider im dreiköpfigen Direktorium im Unterschied zu einigen ihrer Vorgänger bislang peinlichst vermieden.

In der letzten grossen Währungskrise 1978, als sich der Franken innerhalb weniger Monate um 30 Prozent zur damaligen Deutschen Mark aufgewertet hatte, liess sich die Nationalbank zu einem einseitigen Subventionsregime für die Exportindustrie hinreissen. Über die Abgabe sogenannter Devisenbezugsrechte deckte sie, einer Versicherung ähnlich, deren Wechselkursrisiken.

Man stelle sich vor, wie die Bankenlobby heutzutage argumentieren könnte, wenn die Nationalbank erneut zu einem solchen Instrument gegriffen hätte. Auch die Finanzindustrie war schon Nutzniesserin einer speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Geldpolitik. So liessen sich diese nach dem Börsencrash von 1987 mit viel zu viel Liquidität versorgen, was bald darauf dem Entstehen einer gewaltigen Immobilienblase Vorschub leistete.

Dass die Nationalbank mit ihrer Minuszinspolitik in allen Teilen der Wirtschaft und der Bevölkerung gleichermassen aneckt, ist ihr grösstes Verdienst. Sie sorgt damit nicht nur für einen Ausgleich der Interessen, sondern verfolgt auch ihre eigenen Interessen. Schliesslich ist der Schutz vor Partikularinteressen gerade in der Schweiz einer der Hauptgründe dafür, dass die Nationalbank dem direkten Zugriff durch die Politik entzogen ist.

Jordan wird weiter auf die Minuszinspolitik setzen

Die Negativzinspolitik sorgt zwar verbreitet für Unmut, aber die einigermassen gleichmässige Verteilung der Lasten sichert der Nationalbank die Akzeptanz in der Öffentlichkeit, die nötig ist, damit sie ihren autonomen Status auch in Zukunft legitimieren kann.

Deshalb wird Thomas Jordan den vielen Forderungen nach Anpassungen seines geldpolitischen Kurses auch heute Donnerstag nur soviel Gehör schenken, wie es der Maximierung der Gesamtinteressen des Landes nützt. Eine baldige Abkehr von der Minuszinspolitik ist dabei ebenso wenig eine Option wie ein erneuter Versuch, den Frankenkurs auf einem den Exportfirmen und den Gewerkschaften genehmen Niveau einzumauern.

So gesehen ist Thomas Jordan vielleicht eher ein Durchschnittsmacher als ein Durchschnittsschweizer.

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