TEXTILINDUSTRIE: Feuerschutz und Prügel

Vier Jahre nach dem Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch hat sich die Sicherheit massiv verbessert. Andernorts liegt aber noch vieles im Argen.

Willi Germund, Bangkok
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Näherinnen und Näher in einer Textilfabrik in Bangladesch. (Bild: Thomas Imo/Getty (Tongi, 8. Dezember 2014))

Näherinnen und Näher in einer Textilfabrik in Bangladesch. (Bild: Thomas Imo/Getty (Tongi, 8. Dezember 2014))

Willi Germund, Bangkok

Über 1100 Tote. Das war die erschreckende Bilanz einer der schlimmsten Industriekatastrophen in Bangladesch vor rund vier Jahren. Damals stürzte das Gebäude Rana Plaza ein, in dem mehrere Textilfabriken unterbracht waren, die Kleider für westliche Modemarken nähten.

Mittlerweile hat sich einiges getan. Forderungen nach Verbesserungen der Sicherheit von rund vier Millionen grösstenteils weiblichen Beschäftigten in der Textilindustrie stehen nicht mehr an oberster Stelle bei Gewerkschaften des Landes. «Die Wahrung und Beibehaltung der Verbesserungen seit Rana Plaza steht für uns heute an dritter Stelle», sagt Kalpona Akther von der Gewerkschaftsvereinigung Bangladesch Center for Worker Solidarity (BCWS) auf Anfrage. «Priorität hat der Kampf, damit die Arbeitgeber ihre Verpflichtungen rund um die Freiheit der Gewerkschaftsbewegung einhalten.»

Die Verbesserung der Sicherheit ist einer der wenigen Punkte, in dem Arbeitnehmervertretungen in Bangladesch und Fabrik­besitzer übereinstimmen. «Rana Plaza war ein Weckruf für alle», sagt Miran Ali, Sprecher Indu­striekatastrophen der mäch- tigen Unternehmensvereinigung Bangla Desh Garment Manufacturers and Exporters Association (BGMEA). «Keine Textilindustrie investierte seither soviel in Sicherheit wie jene Bangladeschs.»

Offensichtlich glauben die Fabrikanten, damit ihre Schuldigkeit getan zu haben. Denn seit Ende 2016 gehen sie mit Hilfe der Regierung massiv gegen Arbeitnehmende vor, die damals eine Erhöhung des Mindestlohns verlangten. Eine Delegation der EU, die sich zusammen mit den USA, Kanada und der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) im Bangla Desh Sustainability Compact zusammengeschlossen hat, versuchte kürzlich während eines Besuch in Bangladesch den Vorwurf zu prüfen, dass mit Ausnahme von Verbesserungen der Sicherheitsvorkehrungen ein vier Jahre alter Forderungskatalog des Bündnisses nicht erfüllt wurde. Bangladeschs Partner im Sustainability Compact verlangten, dass die Regierung unverzüglich Strafanzeigen gegen Gewerkschaftsführer prüft und zurückzieht, die bereits im Dezember vergangenen Jahres verfügt worden waren. Damals hatten Textilarbeitende im Stadtteil Ashulia gestreikt und eine Erhöhung des Mindestlohns verlangt. Die Regierung des Landes, die eng mit Textilunternehmen kooperiert, war während der vergangenen Wochen verstärkt gegen Gewerkschaften vorgegangen.

«Äthiopien ist unser gefährlichster Konkurrent»

«Es gibt nur eine kleine Gruppe von Arbeitern und Arbeiterinnen, die Ärger machen», sagt Miran Ali von der BGMEA. Bangladesch ist mit einem Marktanteil von 36% nach China der zweitgrösste Textillieferant der Welt. Die Exporte in Höhe von 30 Mrd. $, was 82% aller Ausfuhren Bangladeschs entspricht, haben den einstigen internationalen Sozialfall in einen Staat verwandelt, der im Jahr 2020 in die Gruppe der Länder mit einem mittleren Einkommen aufsteigen will. In den Augen der Textilunternehmen ist dieses Ziel nur erreichbar, wenn niedrige Produktionskosten beibehalten werden. «Äthiopien ist unser gefährlichster Konkurrent», sagt Miran Ali, der selbst über ein Heer von 13000 Angestellten gebietet, «die haben nur ein Drittel unserer Lohnkosten.»

Gewerkschaften, die auf Ar­beitnehmerrechte pochen, werden von den Arbeitgebern als Bedrohung betrachtet. Gegenwärtig gibt es gerade mal 500 Betriebsgewerkschaften in den 4500 Textilfabriken des Landes. «Aber man kann höchstens 50 von ­ihnen wirklich unabhängige Gewerkschaften nennen», sagt Kalpona Akther vom BCWS. «Die anderen sind alle in der Hand der Unternehmer.»

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