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Trotz Aderlass bei Bischoff: Ostschweiz bleibt Textil-Hochburg – Unternehmen verbinden sich mit Technik

Die Schweizer Textilindustrie mit der Hochburg Ostschweiz hat über die Zeit Federn gelassen, sich aber immer wieder neu erfunden. Hiesige Unternehmen sehen ihre Chance in Spezialitäten und intelligenten Hightech-Erzeugnissen.
Thomas Griesser Kym
Produktion bei Schoeller Textil in Sevelen. Das Unternehmen stellt im Jahr über sechs Millionen Meter Funktionstextilien her. (Bild: PD)

Produktion bei Schoeller Textil in Sevelen. Das Unternehmen stellt im Jahr über sechs Millionen Meter Funktionstextilien her. (Bild: PD)

Während Bischoff Textil eine Verlagerung der Produktion vom Hauptsitz St. Gallen in seine Joint Ventures nach Asien plant, will Konkurrent Forster Rohner seine Herstellung hier behalten. Die beiden grössten Schweizer Sticker verfolgen also verschiedene Strategien, was die Standortfrage betrifft, und sie beurteilen auch ihren Geschäftsgang unterschiedlich. Das führt zur Frage, wie es eigentlich der Schweizer Textilindustrie generell geht. Diese ist über die Jahre und Jahrzehnte drastisch geschrumpft, doch die Ostschweiz ist national die Hochburg geblieben.

«Die Branche präsentiert sich in guter Form», heisst es im jüngsten Konjunkturbericht der Textil- und Bekleidungsindustrie, den der Verband Swiss Textiles Ende August auf seiner Website publiziert hat. Laut den Zahlen sind die Schweizer Textilexporte im ersten Halbjahr 2018 im Vorjahresvergleich um 4,8 Prozent auf 708 Millionen Franken gestiegen, wobei das zweite Quartal mit +6,5 Prozent auf 363 Millionen Franken das erste Quartal übertrumpft hat (siehe Grafik). Noch stärker legten die Bekleidungsausfuhren zu, um fast ein Drittel auf 1,29 Milliarden Franken im Semester.

Exporte der Schweizer Textilindustrie erholen sich

Prozentuale Veränderung gegenüber dem Vorjahresquartal
-15-10-505I/2015II/2015III/2015IV/2015I/2016II/2016III/2016IV/2016I/2017II/2017III/2017IV/2017I/2018II/2018

Höhere Beschäftigung, eingetrübte Erwartungen

Die Kapazitätsauslastung der Betriebe ist im zweiten Quartal auf 85 Prozent gestiegen. Das ist der höchste Stand seit einigen Jahren und deutlich besser als das Mehrjahrestief von 72 Prozent, auf das die Auslastung Anfang 2016 abgesackt war. Allerdings sind die Kapazitäten über die Jahre auch verringert worden. Die Bewertung der Geschäftslage hat nach einer dreijährigen Phase ständiger Verbesserung und einem kleinen Knick im April zur Jahresmitte wieder an die Rekordbewertung des ersten Quartals angeknüpft. Demnach beurteilen 88 Prozent der befragten Unternehmen ihre Geschäftslage als gut oder befriedigend und lediglich 12 Prozent als schlecht.

Innert Jahresfrist hat auch die Beschäftigung der Schweizer Textil- und Bekleidungsindustrie zugenommen, und zwar um 3,3 Prozent oder gut 300 auf 13'235 Angestellte, gerechnet in Vollzeitstellen. Parallel dazu ist die Arbeitslosenquote in der Branche von 3,6 auf 2,8 Prozent gesunken. Nach unten zeigt dagegen die Bewertung der Auftragslage. Knapp ein Viertel der befragten Firmen stufen ihren Auftragsbestand als zu klein ein. Auf der anderen Seite aber beurteilen fast 70 Prozent der Betriebe ihre Auftragslage als normal. Swiss Textiles erklärt die Verschlechterung mit dem neuerlichen Schwächeanfall des Euros.

Der wieder schwächere Euro, Sorgen um die Robustheit des künftigen Wirtschaftswachstums, politische Ungewissheiten – all das führt dazu, dass sich die Erwartungen der Textil- und Bekleidungsunternehmen hinsichtlich der Entwicklung der Exporte, Verkaufspreise, Beschäftigung und vor allem des Bestellungseingangs «verdunkelt» haben, wie es Swiss Textiles formuliert. Die Branche lässt sich jedoch nicht unterkriegen. Firmen, bei denen man sich umhört, setzen als Gegenrezepte auf Innovationen, Investitionen und Spezialitäten.

Cilander hat sich Schritt für Schritt verbessert

So zum Beispiel die Textilveredlerin AG Cilander, die mit 200 Mitarbeitenden am Hauptsitz in Herisau und in Flawil produziert. Firmenchef Vincenzo Montinaro spricht von einer «guten bis sehr guten Auslastung», und man werde das ganze Jahr 2018 sowohl punkto Umsatz als auch Ertrag besser abschliessen als das Vorjahr. Seit 2015, als die Schweizerische Nationalbank im Januar den Mindestkurs von 1.20 Franken pro Euro aufgehoben hat, was zu dessen Absturz führte, habe Cilander die operative Leistung Schritt für Schritt verbessert. Mittlerweile sei diese wieder auf einem «knapp zufriedenstellenden Niveau».

Cilander-Chef Vincenzo Montinaro (Bild: PD)

Cilander-Chef Vincenzo Montinaro (Bild: PD)

Geschafft hat man das laut Montinaro mit einem Mix aus Kostensenkungen, Investitionen in Innovationen und der laufenden Modernisierung der Werke, was zu höherer Effizienz führe. Im Rahmen der Modernisierung, die sich über die Jahre 2016 bis 2020 spannt, bringt Cilander den Anlagenpark, die Infrastruktur und die Prozessabläufe auf Vordermann. Angesichts der Investitionssumme in Höhe eines «tiefen zweistelligen Millionenbetrags» sagt Montinaro, dieses Programm sei «fast ein Jahrhundertprojekt». Investiert werde auch in die Digitalisierung, das Energiemanagement und in eine neue Abwasserreinigungsanlage in Herisau.

Das Geheimnis des Erfolgs

All dies zielt laut Montinaro darauf ab, «die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern und die Nachhaltigkeit zu stärken». Cilanders Umsatz stammt je hälftig aus der Veredelung von Bekleidungstextilien und technischer Textilien. Montinaro weiss:

«Bei den Bekleidungen ist das Standardgeschäft abgewandert. Hier setzen wir auf hochwertige Segmente, auf Spezialitäten, und damit können wir die Verkäufe auch halten.»

Eine zentrale Rolle spielt auch hier Nachhaltigkeit. Cilander bedient sich in der Veredelung «absolut umweltschonender Chemikalien». Als Beispiele fügt Montinaro bügelfreie Hemdenstoffe oh­ne Verwendung von Formaldehyd oder Outdoor-Bekleidung ohne FCKW an.

Von Cilander veredeltes Textil, das Wasser abweist. (Bild: PD)

Von Cilander veredeltes Textil, das Wasser abweist. (Bild: PD)

Bei den technischen Textilien wächst Cilander seit einigen Jahren, «und auf diesem Pfad wollen wir weitermachen». Geheimnis des Erfolgs sei es, immer mehr Funktionen miteinander zu verbinden. Das Resultat seien dann Smart Textiles, also intelligente Textilien, die dank ausgeklügelter Hightech-Beschichtung auf verschiedene Bedingungen reagieren, etwa auf Bewegung und Stillstand, auf Nässe und Trockenheit oder auf Kälte und Wärme.

Schoeller nutzt Schweizer Herstellung als Trumpf

Textil mit der schützenden Schoeller-Technologie Ceraspace für Arbeits-, Militär-, Outdoor- oder Sportbekleidung. (Bild: PD)

Textil mit der schützenden Schoeller-Technologie Ceraspace für Arbeits-, Militär-, Outdoor- oder Sportbekleidung. (Bild: PD)

Textilien mit Funktion für hoch technologische Segmente – das ist auch eine Stärke der Schoeller Textil AG in Sevelen. Firmenchef Siegfried Winkelbeiner nennt als jüngste Innovationen etwa Ausrüstungstechnologien, die auf nachwachsenden Rohstoffen basieren und die Stoffe wasser- und schmutzabweisend machen. Oder Soft-Shell-Artikel aus rezyklierten Fischernetzen. Vergangenes Jahr hat Schoeller den Design-Preis Schweiz für ein heizbares Textil erhalten. Um von solchen Smart Textiles überdurchschnittlich zu profitieren, sieht sich Schoeller gut gerüstet. «Die notwendigen Technologien und Fähigkeiten sind vorhanden, müssen jedoch noch viel nachhaltiger gebündelt werden», sagt Winkelbeiner. Mit Standardprodukten ohne technologischen Mehrwert dagegen wäre man nicht mehr wettbewerbsfähig.

Schoeller, 150 Jahre alt, beschäftigt in Sevelen 200 Mitarbeitende. «Unsere Kunden suchen den Mehrwert und schätzen die Schweizer Herstellung», sagt Winkelbeiner.

«Sie wissen auch, dass wir kundenspezifische Lösungen bieten – etwas, das sie zum Beispiel in Asien nicht bekommen.»

Verlagerungspläne hegt Schoeller derzeit keine. Am Standort Sevelen habe man in den vergangenen Jahren sehr viel in einen modernen Maschinenpark investiert. Dabei floss auch viel Geld, um eine umweltschonende, nachhaltige Produktion zu ermöglichen. «Ein vollstufiger Betrieb dieser Grösse lässt sich nicht einfach so verlagern», sagt Winkelbeiner.

«Eine Trendwende ist nun möglich»

Segmente wiederum, die man von der Schweiz aus nicht abdecken könne, werden von einem langjährigen Joint Venture in Taiwan bedient. Erweitert wird das Portfolio zudem von technischen Textilien der deutschen Schoeller-Tochter Eschler Textil, die 40 Mitarbeitende zählt. Hinzu kommen rund zwei Dutzend Beschäftigte in den weltweiten Verkaufsbüros. Wie Winkelbeiner sagt, übertraf die Nachfrage nach Schoeller-Produkten im ersten Halbjahr 2018 die Produktionskapazität des Unternehmens. «Das hat damit zu tun, dass bei anziehender Konjunktur alle Kunden zugleich und oft kurzfristig bestellen, weil sie keine Lager halten wollen.»

Für die Zukunft der Schweizer Textilindustrie zeigt sich Winkelbeiner
zuversichtlich. «Nach Jahrzehnten des Niedergangs», wie er sagt, «ist eine Trendwende nun möglich». Das Zusammenspiel von Textil und Elektronik lasse einen neuen Markt für E-Textilien entstehen. Um in diesem zukunftsträchtigen Segment eine führende Rolle zu spielen, dafür besitze die Schweiz auf kleinem Raum die Grundlagen: einerseits textiles Know-how, andererseits das Wissen in Elektronik, Uhren- und Maschinenindustrie sowie Design und Kreation. Schoeller zeigt sich entschlossen, in diesem Markt ganz an der Spitze mitzumischen. Winkelbeiner: «Unsere Vision, an der wir tüfteln und die wir 2019 realisieren wollen, ist eine vollklimatisierte, App gesteuerte Skijacke.»

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