TEXTILBRANCHE: Das Material, das beflügelt

Neue Ideen tüftelt die Schweizer Textilindustrie nicht mehr nur in den klassischen Segmenten aus. Sticken für technologische Anwendungen öffnet Firmen weitere Märkte, wie sich bei Forster Rohner zeigt.

Thorsten Fischer
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Caroline Forster, Co-Chefin der Textilgruppe Forster Rohner, zeigt den Weg vom Design zum Produkt. (Bilder: Urs Bucher (St. Gallen, 25. April 2017))

Caroline Forster, Co-Chefin der Textilgruppe Forster Rohner, zeigt den Weg vom Design zum Produkt. (Bilder: Urs Bucher (St. Gallen, 25. April 2017))

Thorsten Fischer

Textilien tauchen vermehrt in Bereichen auf, die man früher gar nicht mit der Branche in Verbindung brachte – was belegt, wie eindrücklich sich Märkte und Technologie wandeln. An der Jahresmedienkonferenz des Verbands Swiss Textiles war denn auch von Lichttextilien, von mit Spezialgarn gestickten Elektrodenpads und Sensoren die Rede.

Abnehmer solcher Produkte sind die Medizinaltechnologie (zum Beispiel Brustgurte zur Messung von Körperfunktionen), die Innenarchitektur (Leuchtvorhänge) oder der Sicherheitsbereich (Fussmatten mit Sensoren). Zugleich wird aber auch das klassische Geschäft sorgsam gepflegt und weiterentwickelt, etwa jenes mit kostbaren Stickereien.

Ein Unternehmen, das all dies exemplarisch vereint und damit auf der Erfolgsspur fährt, ist die St. Galler Forster Rohner AG. Wie man konkret mit den Herausforderungen umgeht, die der Textilverband für die Branche skizziert, liess sich gestern somit gleich vor Ort erfahren.

Im Wandel bestehen

«Die letzten Jahre waren mitunter die erfolgreichsten in der über 113-­jährigen Firmengeschichte», sagte Caroline Forster, die zusammen mit ihrem Bruder Emanuel das Familienunternehmen in 4. Generation führt. Angesichts des harten, ungebremsten Wandels in der Branche sind Erfolge keine Selbstverständlichkeit. Denn insgesamt war die Lage in der Textil- und Bekleidungsindustrie auch im Jahr 2016 schwierig, wie Swiss-Textiles-Direktor Peter Flückiger festhielt.

Zum angespannten europäischen Umfeld kam eine sinkende Nachfrage in China, der Ölpreiszerfall reduzierte im Mittleren Osten die Kauflust. Sowohl im Textil- wie im Bekleidungsbereich brach die Wertschöpfung um 6,2% respektive um 5,2% ein. Die gesamte Wertschöpfung beträgt für das Jahr 2016 noch 908 Mio. Franken. Die Textilexporte verzeichneten ein Minus gegenüber dem Vorjahr von 2,9% auf 1,56 Mrd. Franken. Der Strukturwandel schreitet voran, die Firmen sind gefordert, sich noch stärker zu fokussieren, ist das Fazit von Verbandsdirektor Flückiger und Präsident Andreas Sallmann zur aktuellen Entwicklung. «Sich international ausrichten, spezialisieren und neue Wege gehen» sind die konkreten Mittel, die den Weg für künftiges Wachstum ebnen sollen.

Die Forster Rohner AG hat sich bereits über die Jahre entsprechend internationalisiert und beschäftigt trotz – oder gerade dank – ihrer internationalen Standorte einen vergleichsweise grossen Teil ihrer Mitarbeitenden nach wie vor in der Schweiz. Von den weltweit 850 Personen sind immerhin 210 in der Schweiz tätig. Die Muttergesellschaft Forster Rohner hat Produktionsbetriebe in St. Gallen, Lugoji in Rumänien und Suzhou in China.

Spezialisiert und weltbekannt ist die St. Galler Firma mit ihren Stickereien für Lingerie, Haute Couture und Prêt-à-porter. «Hier wird das Material entworfen, das in der Modewelt ‹Musik macht›, ebenso wird die Fertigung international organisiert und gesteuert», sagt Forster zur Mission im modisch-dekorativen Bereich. Hinzugekommen ist in den vergangenen Jahren die Mission im technischen Bereich: Die universell einsetzbaren Stickmaschinen werden auch für technische Produkte genutzt. Das bringt nicht nur neue Perspektiven aus dem wissenschaftlichen Bereich ins Geschäft. Es legt den Boden für Produkte, die den Launen der Mode weniger ausgesetzt sind. Zugleich fordern die unterschiedlichen Produktzyklen in Mode und Technologie im alltäglichen Geschäft auch heraus. Forster zeigt sich aber weiterhin sehr zuversichtlich, weil man auf engagierte, gemischte Teams aus erfahrenen Spezialisten und jungen Talenten zählen könne. Ebenso sagt sie: «Wir investieren laufend in neue Technologien.» Laut Verbandspräsident Sallmann sind Firmen, die in neue Anwendungsgebiete investieren, ausserordentlich wichtig für den erfolgreichen Wandel der Branche.

Sallmann gibt an der kommenden Generalversammlung von Swiss Textiles im Juni seinen Posten ab – denn die Laufzeit des Präsidialamts ist auf jeweils sechs Jahre beschränkt.