Teure Musik, langsame Bahn

In Deutschland laufen grosse Bauprojekte aus dem Ruder. Beispiele sind die Elbphilharmonie der Architekten Herzog & de Meuron, der Berliner Flughafen oder das Bahnprojekt Stuttgart 21.

Stefan Uhlmann
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Der Grosse Saal der Hamburger Elbphilharmonie als Baustelle, aufgenommen vor wenigen Tagen. (Bild: pd/Johannes Arlt)

Der Grosse Saal der Hamburger Elbphilharmonie als Baustelle, aufgenommen vor wenigen Tagen. (Bild: pd/Johannes Arlt)

BERLIN. Es ist in jeder Hinsicht ein einmaliges Vorhaben. Um Hamburg ein Konzerthaus auf Weltniveau zu bescheren, sollte auf einem alten Kaispeicher ein neues Wahrzeichen entstehen. Auf dem Backsteinkörper thront ein futuristisch anmutender gläserner Dachaufbau mit über tausend Glaselementen. Entworfen wurde der Prestigebau von den Schweizer Stararchitekten Herzog & de Meuron. 186 Mio. € sollte die Elbphilharmonie kosten, 77 Mio. € wollte die Stadt Hamburg beisteuern. 2010 sollte nach drei Jahren Bauzeit Eröffnung gefeiert werden. Es sollte ähnlich berühmt werden wie die Oper von Sydney, dachten Stadt und Planer. Doch es kam anders, und damit ist das Projekt in Deutschland keine Ausnahme.

«Turmbau zu Hamburg»

Heute bevölkern noch immer Bauarbeiter statt Musiker das Haus an der Spitze der Speicherstadt. Mittlerweile haben sich die Kosten verzehnfacht, den Steuerzahler wird der Bau am Ende fast 800 Mio. € kosten. Immerhin wird wieder gebaut, nachdem es zwischen der Stadt und dem Baukonzern Hochtief zum Streit und zum zeitweiligen Stillstand gekommen war.

Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss konstatierte eine zu frühe Ausschreibung, eine mangelhafte Planung und fehlerhafte Kontrolle. Auch die Schweizer Architekten blieben von der Kritik nicht verschont. Nun gibt es einen neuen Termin. Am 11. Januar 2017 soll der «Turmbau zu Hamburg», wie die Elbphilharmonie in Schweizer Medien verspottet worden war, eröffnet werden. Das verkündete Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) dieser Tage hoffnungsfroh.

Ob der Termin eingehalten werden kann, bleibt abzuwarten. Auch in der Hauptstadt Berlin traut man sich nicht mehr, genaue Terminankündigungen zu machen. Hier wird seit Jahren an einem neuen Flughafen gearbeitet, der einfach nicht fertig wird. Seit Sommer 2012 sollten hier Flugzeuge starten und landen. Immer wieder wurde die Eröffnung wegen zahlreicher Baumängel verschoben. Mehrere Flughafenmanager wurden entlassen oder gaben entnervt auf. Die Kosten explodierten von einst 3,1 Mrd. € auf nunmehr 6,3 Mrd. €. Es ist nur noch vage von einem «Terminband» Mitte bis zweite Hälfte 2017 die Rede.

Überforderte Politiker

Ähnlich teuer wird das Bahnprojekt Stuttgart 21. Im Kern wird der einstige Kopfbahnbahnhof zu einem durchgehenden unterirdischen Bahnhof mit entsprechenden Zulaufstrecken umgebaut. 2,5 Mrd. € waren anfangs veranschlagt, am Ende wird der Bau wohl 6,5 Mrd. € verschlingen. Weil für den Neubau Bäume weichen müssen und ein Teil des alten Bahnhofs abgerissen werden sollte, gingen die Stuttgarter 2010 in Massen auf die Barrikaden. Mittlerweile ist der Widerstand abgeflaut.

Die Gründe für die Kostenexplosionen sind vielfältig. Ausschreibungen sind oft zu ungenau. Oft werden die Ausgaben anfangs viel zu niedrig angesetzt. Baufirmen wollen so an Aufträge gelangen. Politiker rechnen die Kosten herunter, um die Zustimmung der Wähler und Parlamente zu erhalten. Später formuliert die Politik hingegen oft Sonderwünsche. Hinzu kommen überbordende Vorschriften und oft ein Dickicht von General- und Subunternehmern. Die Kontrolle wird hingegen oft überforderten Politikern überlassen. Wird ein Projekt teurer als geplant, lähmt dann Streit über die Aufteilung der Mehrkosten den Bau.

Alleine steht Deutschland damit aber nicht. Auch die Oper von Sydney kostete 14mal mehr als ursprünglich veranschlagt.