«System ist immer noch fragil»

Mit der Postfinance hat die Schweiz jetzt fünf systemrelevante Banken. HSG-Professor Manuel Ammann, Direktor des Schweizerischen Instituts für Banken und Finanzen, erklärt im Interview, was das bedeutet.

Bernard Marks
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Manuel Ammann Professor für Finanzen an der Universität St. Gallen (Bild: pd)

Manuel Ammann Professor für Finanzen an der Universität St. Gallen (Bild: pd)

Die Finanzkrise liegt lange zurück. Trotzdem wurde Postfinance jetzt von der Schweizerischen Nationalbank als systemrelevant eingestuft. Wie hoch ist heute das Risiko, dass Schweizer Banken in finanzielle Schieflage geraten können?

Manuel Ammann: Das Risiko ist viel kleiner als damals. Aber Bankenkrisen und Bankrotte hat es in der Geschichte immer wieder gegeben. Auch in der Zukunft wird es sie wieder geben, auch wenn heute noch nicht absehbar ist, wann das passieren und welche Bank davon betroffen sein wird. Banking ist nun mal kein risikoloses Geschäft.

Die Schweiz hat damit fünf systemrelevante Banken. Kann sich die Schweiz so viele systemrelevante Banken überhaupt leisten?

Ammann: Gerade weil die Schweiz klein ist, braucht es nicht viel, bis eine Bank aus nationaler Sicht systemrelevant wird. Von den fünf Banken sind nur die beiden Grossbanken international systemrelevant. ZKB, Raiffeisen und Postfinance sind «nur» national systemrelevant. Sie spielen international eine untergeordnete Rolle, aber in der Schweiz sind sie wichtige Pfeiler des Finanzsystems.

Ist das Risiko, das die Steuerzahler da schultern, nicht zu gross?

Ammann: Das Risiko besteht nicht erst, seit man es benennt. Die gleichen Banken waren vorher schon da, und mit ihnen auch das Risiko für den Steuerzahler. Bei der UBS hat man es gesehen. Das Ziel der Regulierung systemrelevanter Banken ist nun gerade, mit besonderen Anforderungen an diese Banken zu verhindern, dass der Steuerzahler einspringen muss. Die Frage stellt sich aber, ob mit den zusätzlichen Anforderungen an Struktur, Liquidität und Eigenkapital dieses Ziel auch wirklich erreicht wird.

Sind aus Ihrer Sicht die Anforderungen nicht strikt genug?

Ammann: Die Schweiz braucht sich in dieser Sache nicht zu verstecken. Sie hat nach der Finanzkrise früher als andere Länder reagiert und die Anforderungen an die Grossbanken verschärft. Trotzdem ist das Bankensystem international noch immer fragil. Ich gehe davon aus, dass es noch weitere Schritte braucht, um das System in Krisen robuster zu machen.

Welche Schritte schweben Ihnen vor?

Ammann: Ich sehe nur beschränktes Potenzial in den internationalen Koordinationsbemühungen, systemrelevante Banken geordnet abzuwickeln. Zu komplex, zu unterschiedlich sind die Regulierungen und Gesetze, zu stark im Krisenfall die nationalen Interessen. Nachhaltig robuster wird das System nur, wenn die internationalen Grossbanken im Verhältnis zur Bilanzsumme mehr Eigenkapital zur Verfügung haben. Hier braucht es noch weitere Massnahmen auf internationaler Ebene.

Welche genau?

Ammann: Es brauchte sicher eine Vereinheitlichung der Regulierung und solche Institutionen wie zum Beispiel die europäische Bankenaufsicht, die geschaffen wurde. Aber ob diese in einem Ernstfall auch funktionieren wird, ist nach wie vor offen, denn es gibt zu viele nationale Interessen.

Denken Sie, dass noch mehr Schweizer Banken eine staatliche Garantie brauchen werden?

Ammann: Im Moment sehe ich keine weiteren Banken, die national systemrelevant sind. Aber Achtung: Systemrelevanz bedeutet nicht automatisch eine Staatsgarantie für die Gläubiger der Bank. Es ist durchaus denkbar, dass in der Zukunft bei einer Krise eine systemrelevante Bank so «gerettet» wird, dass die systemrelevanten Funktionen wie beispielsweise der Zahlungsverkehr zwar erhalten werden, dass aber gewisse Gläubiger der Bank einen Teil ihrer Forderungen abschreiben müssen.

Postfinance ist eigentlich schon eine staatliche Bank, ist der Entscheid der SNB nicht ein Nachteil für die Kantonalbanken?

Ammann: Ich glaube nicht, dass die Postfinance zusätzliche Marktchancen hat, nur weil sie jetzt als systemrelevant eingestuft wird. Die Postfinance verfügte ja als vollständig im Bundeseigentum stehende Gesellschaft bereits vorher über eine implizite Staatsgarantie.

Reicht die staatliche Garantie für Kantonalbanken aus, so wie sie heute organisiert ist?

Ammann: Die Staatsgarantie für Kantonalbanken hat eine lange Tradition und viel Rückhalt in der Bevölkerung, auch wenn sie ordnungspolitisch problematisch ist. Bei einer Annäherung an die EU im Finanzdienstleistungsbereich kann es aber schon sein, dass die Kantone die Staatsgarantie für ihre Kantonalbanken überdenken müssen. Ordnungspolitisch ist aber nichts gewonnen, wenn die explizite Staatsgarantie einfach mit einer impliziten ersetzt wird.

Paradeplatz in Zürich: Hierzulande sind die Vorschriften für Grossbanken verschärft worden. International gestaltet sich das komplexer. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Paradeplatz in Zürich: Hierzulande sind die Vorschriften für Grossbanken verschärft worden. International gestaltet sich das komplexer. (Bild: ky/Gaëtan Bally)