Streit um Aus für Ölkännchen

Spanien verbannt die Kännchen mit Olivenöl von den Tischen der Restaurants. Die mächtige Ölindustrie jubelt, Wirte und Konsumenten zeigen sich empört.

Ralph Schulze
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MADRID. Sie standen bisher in jedem spanischen Speiselokal auf dem Tisch: Handliche Glaskännchen oder Fläschchen mit Olivenöl, um den Salat zu würzen. Oder um das geröstete Weissbrot mit ein paar Tropfen zu veredeln. War das Kännchen leer, füllte es der Wirt aus einer grossen Ölflasche nach. Mit diesem alten Brauch, der auch Millionen ausländische Touristen erfreute, ist nun in Spanien Schluss. Seit Neujahr darf nur noch Öl in Einweggefässen vor den Gästen stehen. Mit Etikett, auf dem Herkunft und Qualität abzulesen sind.

Industrie reibt sich die Hände

Spaniens mächtige Olivenölindustrie setzte sich mit dieser Forderung durch und jubelt nun, weil ihr dieser Regierungsbeschluss in schwierigen Zeiten ein blendendes Geschäft verspricht: die Herstellung von Millionen kleinen Wegwerfbehältern. Entweder in Form jener Mini-Döschen, wie sie in vielen Hotels bereits für Konfitüre oder Butter verwendet werden. Oder als Fläschchen, die – einmal geleert – im Abfall oder mit Glück im Recyclingcontainer landen.

«Gesetz der Verschwendung»

Konsumentenorganisationen und Wirte protestieren heftig gegen dieses «Gesetz der Verschwendung», das in den rund 350 000 Speiselokalen und Bars in Spanien neue Ölsitten einführt. Nun werde zusätzlicher Abfall produziert, und der Gast müsse dafür auch noch mehr zahlen, zürnen sie. Es handle sich bei dem neuen Öldekret vor allem um eine Wirtschaftsförderung für die Produzenten, deren Geschäfte in letzter Zeit schlechter laufen.

Die Norm wurde von Spanien im europäischen Alleingang durchgesetzt, nachdem die spanische Olivenöllobby in Brüssel mit einem EU-weiten Vorstoss gescheitert war. Der EU-Kommission leuchteten Spaniens Argumente der «Qualitätssicherung» nicht ein. Zumal grössere Ölskandale, wenigstens in den spanischen Speiselokalen, in jüngerer Zeit nicht bekannt wurden. Der Gast vertraute darauf, dass die Produkte auf seinem Tisch in Ordnung sind – und wenn nicht, beschwerte er sich halt. Schliesslich kleben auf der Paella oder dem Schinkenteller auch keine Etiketten.

Mauscheleien der Hersteller

Wohl sind aber in den letzten Jahren immer wieder Schummeleien spanischer Olivenölfabrikanten bekannt geworden. Weil sie Schwindel betrieben und der Flascheninhalt nicht die auf dem Etikett versprochene Qualität hatte. Weil sie Olivenöl anderer Anbauländer wie etwa Marokko beimischten. Oder mit falschen Angaben unrechtmässig EU-Subventionen abkassierten.

Spaniens Olivenölindustrie leidet darunter, dass ihnen die heimischen Konsumenten, geplagt von der Wirtschaftskrise, untreu werden. Denn Olivenöl ist teurer als andere Öle. Mit jährlich 1,3 Mio. Tonnen Olivenöl, das auch exportiert wird, ist Spanien weltgrösster Hersteller.