STOPFLEBER: Der Foie gras droht der Garaus

Tierschützer kritisieren seit langem das Stopfen von Gänsen und Enten zum Zweck der Herstellung der Foie gras. Nun könnte sich das Problem von selbst erledigen – wegen der Vogelgrippe.

Stefan Brändle/Paris
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Stefan Brändle/Paris

Derzeit wechselt Pierre Dufour, wie er selber sagt, zehnmal die Gummistiefel, wenn er seinen eigenen Bauernhof abschreiten will. Und der ist nicht einmal sehr gross: Etwa eine Hektare umfasst das Gut im südwestfranzösischen Saint-Cirq-Lapopie, auf dem Dufour rund 800 Enten und wenig Gänse hält. Doch wenn er von der Bruthalle zum Leberstopfen und von dort zur Verarbeitung geht, muss er wie alle Berufs­kollegen die rigorosen Sicherheitsmassnahmen befolgen, die Frankreich Anfang Monat ergriffen hat. Damit versuchen die Behörden, die Ausbreitung des neusten Vogelgrippevirus H5N8 zu verhindern.

Die wahrscheinlich von Zugvögeln in Teilen Europas verbreitete Geflügelpest ist für den Menschen ungefährlich, aber für Enten und Gänse hochansteckend bis tödlich. Und die Vögel sind nun einmal die Lebensgrundlage Pierre Dufours. Noch schnattert und gackert es auf seinem Hof oder zumindest in den Hallen, wo Stallpflicht herrscht. Andernorts ist bereits Stille eingekehrt – Friedhofsstille. Wie 2015, als die Vogelgrippe bereits zugeschlagen hatte und 140000 Enten und Gänse abgetan werden mussten. Die allermeisten nicht wegen erfolgter Ansteckung, sondern zur blossen Vorbeugung. Trotzdem haben wichtige asiatische Absatzmärkte wie Japan Einfuhrverbote erlassen. Das schlägt sehr rasch und sehr einschneidend bis zu Kleinzüchtern wie Dufour durch.

Geschlossen oder unter Quarantäne gestellt

Gefährdet ist die ganze französische Foie-gras-Branche mit ihren 3000 Höfen und 200 verarbeitenden Betrieben allein im Südwesten des Landes. Grosse Marken wie Montfort, Rougié oder Delpeyrat haben binnen Jahresfrist Verluste in zweistelliger Millionenhöhe erlitten; sie mussten teils Kurzarbeit einführen oder Teile der Produktion in osteuropäische Länder wie Bul­garien verlegen. Dabei sind in Frankreich 100000 Beschäftigte im Geschäft mit der Enten- und Gänseleber tätig. 2 Mrd. € setzen sie im Jahr um, davon die Hälfte in der Festtagszeit Ende Jahr.

Und jetzt, um Weihnachten und Neujahr, wenn nicht nur die französischen Familien Foie gras auftischen, beginnt alles von neuem. Nach der ersten Krise von 2015 hatten die Enten- und Gänsebauern diesen Herbst erst gerade die Produktion neu aufgenommen, als die neusten Hiobsbotschaften die Runde machen. Gefolgt von den Gesundheits­beamten in ihren weissen Schutzanzügen. Dutzende Betriebe haben sie in den letzten Wochen von neuem geschlossen oder unter Quarantäne gestellt. In Lussagnet, einem Ort im Departement Landes an der Atlantikküste, brachten sie auf blossen H5N8-Verdacht hin alle 900 Enten und Gänse eines Gutes in den Schlachthof. Eine reine Präventivmassnahme, die viel aussagt über die Angst, die im französischen Südwesten noch stärker grassiert als die Vogelgrippe. Im Umkreis von zehn Kilometern sind die Transporte von Tieren und Enten- und Gänseeiern verboten. Wie bei Dufour haben die Vögel überall Stallpflicht.

In erster Linie Tierfabriken am Pranger

Mit den rigorosen Massnahmen wollen die Behörden nicht nur die Ansteckung vermeiden, sondern auch Panikmeldungen. Immer wieder lassen sie verlauten, dass Enten- und Gänseleber völlig «sicher» sei. Das Virus überträgt sich nicht darüber; für den Menschen ist es ohnehin ungefährlich. Die Notschlachtungen verknappen allerdings das Angebot. Im französischen Frischmarkt in Rungis sind die Preise für Enten- und Gänseleber vor den Festtagen um rund 20% gestiegen, wie die Maison du Foie gras mitteilte.

Tierschützer mögen sich insgeheim freuen, dass die heftig kritisierte Stopfleberproduktion ohne ihr Zutun dezimiert wird. Vereine wie Stop Gavage (Halt dem Stopfen) oder Stop Foie gras, die sonst Schockfilme über das Zwangsfüttern der Vögel vertreiben, schweigen aus Rücksicht auf die von Arbeitslosigkeit bedrohten Kleinzüchter. Biobauern oder die Bauerngewerkschaft Confédération Paysanne meinen, nicht alle Foie-gras-Betriebe in Südwestfrankreich betrieben Tierquälerei. Schuld an der Ausbreitung der Epidemie seien nicht die Kleinbauern, sondern die industriellen Foie-gras-Massenbetriebe, die das Federvieh zwischen den Brutstätten, den Stopforten und Schlachthöfen hin und her transportieren.