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ST.GALLEN SYMPOSIUM: Frisst die Digitalisierung die Hälfte aller Jobs?

Ist die Digitalisierung eine Bedrohung oder eine Chance? Seit heute Morgen debattieren Manager und die «Leader von morgen» am St. Gallen Symposium über diese Frage. Den stärksten Auftritt bei der Eröffnung hatte ein Gewerkschafter.
Jürg Ackermann
Bundesrätin Doris Leuthard malte bei ihrer Eröffnungsrede weder schwarz, noch verfiel sie in Euphorie. (Bild: Keystone)

Bundesrätin Doris Leuthard malte bei ihrer Eröffnungsrede weder schwarz, noch verfiel sie in Euphorie. (Bild: Keystone)

Warum wurde Donald Trump amerikanischer Präsident? Warum stimmten die Briten für den Brexit? Warum wählen so viele Menschen in Europa populistische Parteien? Der englische Publizist David Goodhart fand dafür eine bestechende Erklärung. Sein Ansatz: Die Welt unterscheidet sich immer stärker in «Anywheres» und in «Somewheres». Die «Somewheres» sind einfache Angestellte oder Handwerker, die an einem Ort – oft auf dem Lande – Wurzeln geschlagen haben. Gegenüber Einwanderung und offenen Märkten sind sie skeptisch. Stattdessen fühlen sie sich manchmal abgehängt, sehnen sich nach Heimat und wählen Trump, Le Pen oder die AfD. Die «Anywheres» dagegen zelebrieren die Verheissungen der liberalen Wirtschaftsordnung. Sie plädieren für offene Grenzen und eine globalisierte Wirtschaft. Wegen ihrer exzellenten Ausbildung können sie sich überall auf der Welt niederlassen. Einen gut bezahlten Job finden sie immer.

Wer eine möglichst homogene Gruppe von «Anywheres» sucht, der wird am «St. Gallen Symposium» fündig. Rund 800 Wirtschaftskapitäne, Manager, Politiker und Talente von Spitzen-Unis aus der ganzen Welt, die sich – obwohl meist nur knapp über 20 Jahre alt – schon jetzt als «die Leader von morgen» bezeichnen, versammeln sich seit heute Morgen wieder auf dem Rosenberg. Meist in schwarzen Limousinen lassen sie sich auf den abgeriegelten und von der Polizei bewachten Uni-Campus chauffieren. Zwei Tage lang entwickeln sie in Plenums-Debatten und Workshops – in englischer Sprache natürlich - Visionen für die Herausforderungen der Zukunft. Und die sind, was das diesjährige Motto («Die Zukunft der Arbeit») betrifft, bekanntlich gross. So gross, dass die nackten Zahlen vielen Angst einjagen.

Leuthard: «Lasst uns die Verlierer nicht vergessen»

Studien zufolge laufen weltweit 50 Prozent der Arbeitnehmer Gefahr, dass ihre Jobs mittelfristig durch Roboter, künstliche Intelligenz oder Super-Computer ersetzt werden. Was passiert mit schlecht ausgebildeten Menschen? Was mit älteren Arbeitnehmern? Sind mittelfristig auch gut qualifizierte Finanzanalysten oder Controller bedroht? Bundesrätin Doris Leuthard malte bei ihrer Eröffnungsrede weder schwarz, noch verfiel sie in Euphorie. «Die Digitalisierung macht vieles einfacher. Aber wenn wir nichts tun, werden viele Menschen leiden.» Es ergebe darum Sinn, noch mehr in die Bildung zu investieren, um die Arbeitnehmer auf die schnellen Veränderungen vorzubereiten. Leuthards Diagnose: Wenn es nicht gelingt, bei der Digitalisierung möglichst viele ins Boot zu holen, werden nicht nur Protektionismus und Nationalismus, sondern auch die Kritik an der Globalisierung und der Politik generell zunehmen. «Lasst uns die Verlierer nicht vergessen», sagte Leuthard. Allein in der Schweiz hätten Studien zufolge, eineinhalb Millionen erwachsene Menschen Probleme bei der Bedienung von Computern. Auch ihnen müssten Politik und Unternehmen eine Perspektive bieten.

Erinnerung an den Geist der 68er

Den stärksten Auftritt bei der Eröffnung des Symposiums hatte der britische Gewerkschafter Philip J. Jennings. In einer Diskussion mit dem blassen Roberto Suarez Santos, dem Sekretär der internationalen Arbeitgeberorganisation, erhielt er für seine politischen Forderungen im eigentlich wenig gewerkschaftsaffinen Publikum immer wieder Applaus. In einem emotionalen Apell wandte sich Jennings an die «Business Leaders», die «Arbeiter» nicht zu vergessen. «Sorgt dafür, dass ihr die Menschen nicht vom Arbeitsmarkt drängt, investiert in sie! Wir werden die Digitalisierung nicht meistern können, wenn es uns nicht gelingt, den Wohlstand auf dieser Welt besser zu verteilen.» Fast schon anarchisch war seine Aufforderung an die in gutes Tuch gehüllten Studenten und «Leader von morgen»: «Denkt auch ein bisschen quer und revolutionär. Erinnert euch an den Geist der 68er-Bewegung.» Pikant: Das St.Gallen Forum ist just Ende der 1960er Jahre als Gegenantwort auf die aus Sicht der Symposium-Gründer «destruktiven Kräfte der 1968er Bewegung» entstanden. Seither bietet es einen Ort für Debatten. Die diesjährige Ausgabe dauert noch bis morgen Abend.

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