Steueroase in Bedrängnis

Mit erheblichen Steuererleichterungen lockt Grossbritannien ausländische Investoren an. Im Übernahmekampf um den Pharmakonzern Astra Zeneca gefällt das dem US-Rivalen Pfizer.

Sebastian Borger
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Erlenmeyerkolben in einer Forschungsabteilung des Pharmakonzerns Astra Zeneca. (Bild: www.astrazeneca.com)

Erlenmeyerkolben in einer Forschungsabteilung des Pharmakonzerns Astra Zeneca. (Bild: www.astrazeneca.com)

LONDON. Die geplante Übernahme des Pharmakonzerns Astra Zeneca durch Pfizer bringt die konservativ-liberale Koalition in London in Bedrängnis. Die Transaktion im Wert von 90 Mrd. Fr. würde wahrscheinlich erhebliche Arbeitsplatzverluste und einen Abbau von Forschungszentren auf der Insel nach sich ziehen. Die erklärte Absicht von Pfizer, den Steuersitz des neuen Grosskonzerns nach England zu verlegen, wirft zudem ein Schlaglicht auf den aggressiven Steuerwettbewerb, mit dem der konservative Finanzminister George Osborne globale Firmen anlocken will. Offenbar will Viagra-Produzent Pfizer die «grösste, am besten entwickelte Steueroase der Welt» nutzen, als die ein Topbanker Grossbritannien gegenüber der BBC bezeichnet.

Die Regierung unter Premier David Cameron hatte nach der Finanzkrise die Förderung der wenigen weltweit führenden Industrieunternehmen zur Priorität erklärt. Schrittweise wurde die Körperschaftssteuer von 28% 2010 auf derzeit 21% reduziert. Zudem fallen für Patente, die im Land entwickelt werden, kaum Steuern an. Die Wirtschaftsförderungsbehörde (Ukti) wirbt mit «generösen und flexiblen Entlastungen» für Forschung und Entwicklung. Sein Land heisse Investoren herzlich willkommen, sagt Osborne unablässig. So gab sich zu Wochenbeginn auch ein Sprecher von Cameron gelassen: «Wir haben eine offene, auf Handel beruhende Wirtschaft.»

Pfizer hat Zeit bis Ende Mai

Freilich ist der 1999 mittels Fusion der schwedischen Astra mit der britischen Zeneca gebildete Pharmakonzern mit 51 500 Mitarbeitenden, davon 7000 in Grossbritannien, ein industrieller Leuchtturm. Die Firma ist für über 2% aller britischen Exporte und für Forschungsausgaben von jährlich 4,2 Mrd. Fr. verantwortlich. Nach verlustreichen Jahren kam 2012 der Franzose Pascal Soriot von Roche als Chef zu Astra Zeneca. Seither wurden 40% der britischen Arbeitsplätze eingespart; demnächst soll die Forschung am neuen Hauptquartier in Cambridge zusammengefasst werden.

Börsianer halten Soriot für wenig geneigt, mitten in einem schwierigen Sparprogramm die Zügel an Pfizer zu übergeben. Der US-Konzern hat gemäss britischem Wettbewerbsgesetz bis Ende Mai Zeit, dem Übernahme-kandidaten ein verbessertes Angebot zu machen oder einen feindlichen Übernahmeversuch auszurufen. Die derzeit zur Diskussion stehenden Konditionen – 46.61 £ pro Aktie, davon 30% in bar – hat Astra Zeneca zurückgewiesen. Branchenkenner sehen 50 £, davon 40% in bar, als Marke an, bei der Grossaktionäre schwach werden könnten.

Cameron brüskiert Amerika

In seinem erklärten Kampf für internationale Steuergerechtigkeit macht sich Cameron ausgerechnet in den Augen des Hauptverbündeten lächerlich. Bekanntermassen bunkern multinationale Unternehmen mit Hilfe Tausender Spezialisten in der City of London ihre Gewinne in Steueroasen wie den britischen Kanalinseln, Bermuda oder den Cayman-Inseln. Am G-8-Gipfel 2013 hatten die führenden westlichen Industrienationen unter Camerons Leitung noch empfohlen, transnationale Unternehmen sollten künftig ihre Profite in einzelnen Nationalstaaten offenlegen. Der Regierung von US-Präsident Barack Obama würden hohe Milliardenbeträge entgehen, wenn London die auf Offshore-Zentren geparkten Pfizer-Milliarden zu britischen Bedingungen besteuert.

Jeffrey Immelt Chef von General Electric (Bild: www.ge.com)

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