«Steuern werden überschätzt»

Knapp vier Jahre leitete Remo Daguati das Amt für Wirtschaft des Kantons St. Gallen. Nun packt er seine Sachen und zieht in die weite Welt: Ende April wechselt er zum Osec, dem Kompetenzzentrum der Schweizer Aussenwirtschaftsförderung.

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Remo Daguati packt seine Sachen. Ab Mai wirbt er beim Osec nicht mehr nur für den Standort St. Gallen, sondern für die ganze Schweiz. (Bild: Urs Bucher)

Remo Daguati packt seine Sachen. Ab Mai wirbt er beim Osec nicht mehr nur für den Standort St. Gallen, sondern für die ganze Schweiz. (Bild: Urs Bucher)

Herr Daguati, bevor Sie 2007 Amtsleiter wurden, waren Sie Standortförderer – in der Öffentlichkeit sind Sie das geblieben.

Remo Daguati: Die Standortförderung ist attraktiv, da kann man sich etwas darunter vorstellen. Die anderen Aufgaben des Amtes, wie der Arbeitnehmerschutz oder der Vollzug der flankierenden Massnahmen, laufen eher im Hintergrund. Aber es ist ja ein gutes Zeichen, wenn man zu Themen wie Schwarzarbeit wenig hört.

Haben Sie sich ein Ziel gesetzt, als Sie die Amtsleitung übernahmen?

Daguati: Ich hab mir schon Dinge vorgenommen. Wir wollten die internen Abläufe flacher gestalten. Das ist gelungen. Wir sind vernetzter und tauschen uns über Abteilungsgrenzen hinweg aus. Viele Prozesse sind nun computergestützt und mit anderen Ämtern vernetzt. Das nützt auch dem Kunden. Der Standort ist stärker geworden. Das hat auch mit der Konjunktur zu tun und mit vielen Partnern. Aber wir haben rund 2,5 Milliarden Franken Investitionen in den Kanton geholt, gegen 2500 Arbeitsplätze. Ich freue mich, wenn ich überall im Kanton sehe, dass sich etwas bewegt.

Was haben Sie nicht erreicht?

Daguati: Auch bei der Standortförderung gibt es noch Potenzial. Wir haben einige Konzerne in den Kanton geholt, aber man hätte mehr machen können, damit die Leute, die dort arbeiten, auch hier wohnen. Aber die Standortförderung hat für das Abwickeln von Investorenanfragen lediglich dreieinhalb Stellen.

Haben Sie Niederlagen erlitten?

Daguati: Die Standortförderung wickelt 200 Kontakte im Jahr ab. Daraus ergeben sich 30 bis 40 Ansiedlungen. Das heisst, wir verlieren 160mal. Aber damit muss man leben. Was wirklich hart ist, sind Betriebsschliessungen. Der Fall Quelle hat mich beschäftigt, da haben wir viel getan. Das war enttäuschend.

Was macht den Kanton St. Gallen zu einem starken Standort?

Daguati: Bei den harten Faktoren kommen wir wohl nicht auf die hohen Plätze. Aber ein Investor, der wirklich rechnet, und auch zum Beispiel die Kosten für Immobilien einbezieht, jemand der nicht nach Topadressen in Zürich oder Genf sucht, der findet uns. Es gibt im Kanton fast alles, städtische wie ländliche Gebiete.

Braucht es dann die Standortförderung überhaupt?

Daguati: Ja, schon. Es gibt weltweit 2500 solche Organisationen. Um Investitionen wird gekämpft. Unser Vorteil ist die Geschwindigkeit. Wir können schnell ein konkretes Angebot machen. Wenn Sie ein Jahr früher bauen können, ist das ein Argument.

Wie weit kommt man Unternehmen steuerlich entgegen, um sie in den Kanton zu holen?

Daguati: In Sachen Steuern können wir keine Auskunft geben. Aber Steuererleichterungen sind im Ansiedlungsgeschäft die Ausnahme. Wir haben auch alle Finanzierungsbeihilfen abgeschafft. Das zwingt uns, in andern Belangen gut zu sein. Für die Steuern sind wir auch nicht zuständig, da ziehen wir das Steueramt bei, genau wie wir auch das Baudepartement oder das Migrationsamt beiziehen. Steuern lassen sich einfach messen, aber ich glaube, ihre Bedeutung wird überschätzt.

Sie haben jedes Jahr 30 bis 40 Unternehmen angesiedelt, trotzdem ging der Anteil der Unternehmenssteuern zurück, dem Kanton fehlt Geld. Was bringt der Aufwand?

Daguati: Die juristischen Personen, die Unternehmen, sind das eine, das andere sind die Mitarbeiter, die hier wohnen. Wie viel herausschaut, ist schwer zu sagen. Wir rechnen mit einem Steuersubstrat von 20 000 Franken für jeden Arbeitsplatz – wir versuchen ja, möglichst Arbeitsplätze mit hoher Wertschöpfung zu holen. Das gibt bei 2000 Arbeitsplätzen seit 2007 40 Millionen Franken. Im Vergleich dazu, was die Standortförderung kostet, müssen wir uns nicht verstecken.

Sie verlassen Ende Monat das Amt. Was zieht Sie weg?

Daguati: Ich bin nun knapp siebeneinhalb Jahre hier, knapp vier Jahre als Amtsleiter. Ich konnte viel Aufbauarbeit leisten, auch interne Projekte umsetzen, das Standortförderungsprogramm steht. Dann kam die Anfrage. Ich sagte: Wieso nicht?

Sie arbeiten künftig beim Osec in Zürich. Was sind Ihre Aufgaben dort?

Daguati: Die Osec ist ein Verein, der vom Bund verschiedene Aufgaben wahrnimmt: Exportförderung und Beratung, die nationale Standortpromotion, aber auch im Bereich der Entwicklungshilfe für ärmere Länder – Marktöffnungen für ihre Produkte, zum Beispiel. Ich werde den Geschäftsbereich Auslandspromotion übernehmen: Dazu gehören die Standortpromotion, Auftritte an Messen und die Entwicklungsdienste. Diese drei Abteilungen werde ich in der Geschäftsleitung vertreten. Am stärksten wird mich die Standortpromotion beschäftigen.

Was reizt Sie daran?

Daguati: In St. Gallen habe ich das Standortmarketing quasi von der Pike auf gelernt. Nun kann ich das nicht nur für St. Gallen tun, sondern für das ganze Land. Auch die weltweite Tätigkeit reizt mich. Die Gewichte haben sich verschoben. Länder wie Brasilien, Russland, Indien und China werden auch für uns immer wichtiger. Das sind ganz andere Kulturen, in denen anders geschäftet wird. Das interessiert mich.

Bei der Standortförderung arbeitet St. Gallen auch über die Kantonsgrenzen hinweg. Gibt es auch eine Zusammenarbeit mit den umliegenden Nachbarländern?

Daguati: Ich treffe mich auch mit den Kollegen aus Vorarlberg oder Bayern. Bei Themen wie dem Wissens- und Technologietransfer gibt es Projekte. Das Vorarlberg ist für uns ein Nachbarkanton. Wir werben dort keine Firmen ab.

Spielt es für Sie eine Rolle, ob sich ein Investor in St. Gallen oder in einem Nachbarkanton niederlässt?

Daguati: Wir sind in solchen Fällen freundliche Konkurrenten. Wenn wir für eine Firma den richtigen Platz nicht haben, und der Thurgau hat eine Lösung, dann ist uns das lieber, als wenn sie sich ganz woanders niederlässt.

Zügeln Sie nach Zürich?

Daguati: Nein, ich wohne in St. Gallen-Bruggen, nah am Bahnhof. Meine Frau und meine Kinder fühlen sich hier wohl, es ist auch mein Lebensmittelpunkt. Aber es gibt auch andere Landesgegenden, die ich gerne habe. Darauf freue ich mich.

Interview: Kaspar Enz

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