Stempeluhr verliert an Boden

Angestellte, die mehr als 175 000 Franken verdienen, sollen ihre Arbeitsstunden künftig selbst kontrollieren dürfen. Gewerkschafter kritisieren das als «schleichende Ausdehnung der Arbeitszeit». Freizeit und Beruf vermische sich zusehends.

Eveline Rutz
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Einstempeln, ausstempeln: Überholtes Ritual – oder schützt die Zeiterfassung gerade in der modernen Welt vor zu langen Arbeitszeiten? (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Einstempeln, ausstempeln: Überholtes Ritual – oder schützt die Zeiterfassung gerade in der modernen Welt vor zu langen Arbeitszeiten? (Bild: ky/Gaëtan Bally)

BERN. 16,7% der Beschäftigten erfassen ihre Arbeitszeit nicht. In ihren Unternehmen ist es unüblich, Arbeitsbeginn, Mittagspause sowie Arbeitsende zu dokumentieren, wie es das Gesetz an sich vorschreibt. Davon sind nicht nur hoch qualifizierte Beschäftigte mit Führungsfunktionen, sondern Angestellte aller Sparten sowie Hierarchiestufen betroffen. Von einer Randerscheinung kann gemäss einer Studie des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) keine Rede sein.

«Nicht alle Betriebe kennen das Arbeitsgesetz», sagt Peter Meier, Präsident der Vereinigung schweizerischer Arbeitsinspektoren. Er registriert zahlreiche Verfehlungen: Höchstarbeitszeiten werden überschritten, Pausen durchgearbeitet und Überstunden nicht kompensiert. «Jene, die keine Stunden aufschreiben können, arbeiten tendenziell zu viel», stellt Meier fest.

Von einem Skandal spricht Corrado Pardini (BE), Unia-Geschäftsleitungsmitglied und SP-Nationalrat. Was in immer mehr Unternehmen unter «Vertrauensarbeitszeit» laufe, sei nichts anderes als eine schleichende Ausdehnung der Arbeitszeit. In Teams entstehe häufig der Druck, länger zu arbeiten. Freizeit und Beruf vermischten sich zunehmend. «Wenn wir dies banalisieren, machen wir es zur gesellschaftlichen Realität», warnt der Gewerkschaftsvertreter.

Familie und Beruf kombinieren

SVP-Nationalrat Thomas Aeschi (ZG) beurteilt diese Vermischung nicht negativ und verweist auf die technische Entwicklung. «Dank Smartphones und Tablet-Computern sind wir nicht mehr an einen Ort gebunden.» Das biete Vorteile – etwa für Mütter, die zu Hause arbeiteten. Beruf und Familie liessen sich damit besser miteinander vereinbaren. «Wir sollten von einer Registrierung wegkommen», folgert Aeschi. In der Fragestunde hat er sein Anliegen diese Woche eingebracht. Vom Bundesrat wollte er wissen, weshalb er nicht entschiedener gegen diese Bürokratie vorgehe. Auf Drängen der Banken hat die Regierung zwar vor, das Arbeitsrecht zu lockern – allerdings bloss teilweise. Nur wer mehr als 175 000 Fr. verdient und einen grossen Gestaltungsraum geniesst, soll seine Arbeitszeit selbst kontrollieren dürfen. Alle anderen Beschäftigten sollen weiterhin zu einer genauen Erfassung verpflichtet sein.

Dies widerspreche dem Ziel nicht, die Unternehmen administrativ zu entlasten, betonte Volkswirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann. Im November will er über die laufende Anhörung informieren. Aeschi findet eine solche Limite unnötig. «Man kann es doch dem Arbeitnehmer überlassen, ob er eine Stelle annehmen will oder nicht.»

Aus einem industriellen Umfeld

Auch der Schweizerische Arbeitgeberverband übt an den Plänen Kritik. Er hätte eine Regelung bevorzugt, die sich am Inhalt und der Organisation einer Tätigkeit orientiert. Dennoch spricht Direktor Thomas Daum von einem «Schritt in die richtige Richtung». «Wir müssen von der formalistischen Erfassung wegkommen.» Sie stamme aus einer Zeit, als die Industrie noch mehr Gewicht gehabt habe. Das Recht müsse der modernen Dienstleistungsgesellschaft angepasst werden.

Die Grenze sei jedoch zu hoch angesetzt; lediglich 4% aller Angestellten wären davon betroffen. Der Arbeitgeberverband fordert stattdessen eine Lohngrenze von 126 000 Fr., um mehr Bürokratie abzubauen.

«Man kann selbst die flexibelsten Arbeitszeitmodelle aufschreiben», sagt Arbeitsinspektor Meier. Dank moderner Technik nehme dies nicht einmal eine Minute pro Tag in Anspruch. «Alles andere sind faule Ausreden.» Eine Erfassung mache auch aus volkswirtschaftlicher Sicht Sinn. Eine sehr hohe Arbeitsbelastung führe nicht selten zu gesundheitlichen Problemen. Stress koste das Gesundheitswesen jährlich 6 Mrd. Franken. «Es wird sogar gearbeitet, wenn man krank ist», stellt die Seco-Studie fest. Der «Präsentismus» sei bei Beschäftigten, die ihre Arbeitszeit nicht dokumentierten könnten, höher als bei anderen. Er wirke sich negativ auf deren Gesundheit aus; Kosten für krankheitsbedingte Ausfälle nähmen zu. «Wir haben kein Interesse daran, dass die Mitarbeiter mit 40 oder 50 Jahren ausgelaugt sind», entgegnet Daum. Die Arbeitgeber seien sich ihrer Verantwortung bewusst. SVP-Nationalrat Aeschi appelliert zudem an die Eigenverantwortung. «Der Arbeitnehmer muss selbst Grenzen setzen.»

Unia-Vertreter Pardini widerspricht. Flexible Arbeitszeiten gingen stets zu Lasten der Angestellten. «Eigentlich sollte man ihnen verbieten, nach Feierabend SMS und Mails zu beantworten.» Gefordert sei nun eine klare Regelung, die den Vollzug des bestehenden Rechts garantiere. Fehlbare Betriebe seien schärfstens zu sanktionieren. «Es braucht eine wirksame Abschreckung.»