Steigende Armut beunruhigt Italien

Die Italiener werden in der Krise immer ärmer. Über vier Millionen Menschen haben nicht einmal das Lebensminimum zur Verfügung. Und die Zahl steigt. Vor allem in Süditalien werden griechische Verhältnisse befürchtet.

Wolf H. Wagner
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Zwar sind nicht alle Landesteile Italiens gleich von der Armut betroffen. Die Regierung will aber ein Dringlichkeitsprogramm erarbeiten. (Bild: fotolia/Cyril Papot)

Zwar sind nicht alle Landesteile Italiens gleich von der Armut betroffen. Die Regierung will aber ein Dringlichkeitsprogramm erarbeiten. (Bild: fotolia/Cyril Papot)

FLORENZ. Alljährlich im Juli veröffentlicht das nationale Statistikamt Istat die Armutsstatistik Italiens. Nach den jüngsten Angaben sind etwa 7 Millionen Bewohner arm. 4,1 Millionen, so weist es das Amt aus, leben sogar in «absoluter Armut». Das heisst, diese Menschen können sich nicht einmal das Minimum an lebenserhaltenden Standards leisten. Immerhin sind es 1,47 Millionen Familien (5,7% aller italienischen Haushalte), die von dieser absoluten Armut betroffen und auf staatliche oder caritative Unterstützungen angewiesen sind.

Der Zustand der relativen Armut ist bereits erreicht, wenn ein Zwei-Personen-Haushalt weniger als 1041 € (1084 Fr.) monatlich zur Verfügung hat. Die absolute Armutsgrenze ist bei einem Einkommen unter 900 € – berechnet auf einen Zwei-Personen-Haushalt und abhängig von der Wohnlage – erreicht.

Süden ärmer als Norden

Die jüngste Statistik bestätigt die auch in vorherigen Zeiträumen gemachten Erfahrungen, dass die Menschen im Mezzogiorno ärmer sind als die Bewohner der nördlichen Industriezonen des Landes. Im Süden wie auf den Inseln Sizilien und Sardinien ist die Armutsrate doppelt so hoch wie die in grösseren Städten des Nordens.

In einigen Gebieten ist die Lage durchaus mit griechischen Verhältnissen zu vergleichen, weshalb die Bevölkerung hier auch mit Sorge die Entwicklungen der Krise im Nachbarland verfolgt. Im Süden ist man deutlich überzeugt, nicht nur vom eigenen Norden, sondern auch von den EU-Partnern nördlich der Alpen übervorteilt zu werden. Die Schuld an der eigenen desolaten Lage wird durchaus auch den Regeln und Massahmenkatalogen aus Brüssel zugeschrieben. 704 000 Familien des Südens einschliesslich der Inseln leben in absoluter Armut, vor allem kinderreiche Familien sind betroffen. Am dramatischsten ist die Lage in Kalabrien, der Basilicata und auf Sizilien, wo eine von vier Familien von Armut betroffen ist. Die andere Hälfte der Betroffenen verteilt sich auf den Norden (515 000) und die zentralen Regionen (251 000). Dabei haben die vom Tourismus, Handwerk und Weinanbau lebenden Regionen Toscana, Umbrien und Marken einen höheren Lebensstandard als der industrielle Norden, der meist als reich beschrieben wird. In den Industriegebieten klafft die Schere zwischen Armen und Reichen deutlicher auseinander.

Zahl der Armen verdoppelt

Gegenüber dem Stand von 2005 hat sich die Zahl der von Armut betroffenen Italiener nahezu verdoppelt. Die jahrelang anhaltende Rezession und das nun folgende zarte Wirtschaftswachstum werden auf kurze Frist wohl kaum Verbesserungen bringen.

«Die Lage für in Not geratene Italiener ist besorgniserregend, wir werden von der Regierung aus ein Dringlichkeitsprogramm anschieben», erklärte Landwirtschafts- und Ernährungsminister Maurizio Martina. Bis 2020 sollen 400 Mio. € für die Unterstützung der Armen bereitgestellt werden. Noch in diesem Jahr sollen Lebensmittelspenden von 65 000 auf 100 000 Tonnen erhöht werden, weitere 550 000 Tonnen Lebensmittel, die im Handel nicht mehr verkaufbar sind, sollen an Armenküchen verteilt werden.