START SUMMIT: Auch Grosserfolge fangen klein an

Wenn grosse Namen aus dem Silicon Valley wie der Unternehmer und Investor Tony Fadell in St. Gallen sprechen, lässt sich einiges lernen: Sogar bei Stars aus der digitalen Wirtschaft verläuft nicht alles stromlinienförmig.

Thorsten Fischer
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Musikabspielgeräte der iPod-Reihe, an denen Tony Fadell mitgewirkt hat. (Bild: Martin Rütschi/Keystone)

Musikabspielgeräte der iPod-Reihe, an denen Tony Fadell mitgewirkt hat. (Bild: Martin Rütschi/Keystone)

Thorsten Fischer

Einen grossen Wurf zu landen. Eine Geschäftsidee zu haben, die, wenn nicht die Welt, doch den Alltag verändert. Diesen Gedanken dürften viele Teilnehmende auch am diesjährigen Start Summits in St. Gallen hegen. Seit gestern treffen sich knapp 2100 Interessierte aus der Welt der Jungunternehmen, Studenten und Investoren in St. Gallen. In zwei Hallen auf dem Olma-Areal werden Kontakte und Wissen ausgetauscht und Deals angebahnt –immerhin 85 Nationen treffen an diesem Anlass zusammen, der vom studentischen Verein Start Global der HSG ins Leben gerufen wurde. Vor allem der digitale Wandel scheint heute mehr neue Geschäftsmöglichkeiten zu eröffnen – aber damit selbstverständlich auch eine entsprechend grössere Konkurrenz.

An Generationen von iPods und iPhones mitgewirkt

Jemand, der es in grossem Stil geschafft hat, gab zum gestrigen Auftakt dem versammelten Start-Summit-Publikum Einblick in seine Erfolgsgeschichte – aus dem nach wie vor digitalen Zentrum der Welt, dem Silicon Valley. Der 48-jährige Tony Fadell gilt als einer der Väter des iPods, des tragbaren Musik- und Filmabspielgeräts von Apple, das die Branche nachhaltig umgekrempelt hat. Fadell war in leitender Funktion bei der iPod-Division tätig und führte ein Team, das die zahlreichen Generationen des iPods und die ersten drei Generationen des iPhones erschuf. Aus der Gesamtschau gesehen ist Fadell aber eigentlich ein aktiver Investor und Unternehmer – und das seit 25 Jahren. Er ist Urheber von über 300 Patenten. Zuletzt wurde er vor allem durch den Nest Thermostat bekannt, der als Wegbereiter für das Internet der Dinge, den intensiv vernetzen Alltag, gilt. 2016 nannte das «Time Magazine» den Nest Thermostat, den iPod und das iPhone als drei der 50 einflussreichsten Geräte aller Zeiten.

Kommt so viel Superlativ und Lob zusammen, erstaunt es, dass die Anfangsphase einiger Innovationen alles andere als einfach war. Und solche Durststrecken können lang sein: «Manchmal muss man mit bis zu zehn Jahren rechnen», sagte Fadell in St. Gallen. Die Idee des iPods beispielsweise fiel um die Jahrtausendwende in eine zunächst ungünstige Phase. Gefragt waren damals – im ersten Internet-Hype – vor allem Fortschritte bei der Software. An neuer Hardware wie einem tragbaren Medienabspielgerät war das Interesse bei den Unternehmen deutlich geringerAABB22– zumal es bereits ähnliche Geräte gab, die allerdings nicht so intuitiv bedient werden konnten wie der spätere iPod. Apple selber hatte zwar in der Vergangenheit bereits solche Ideen gewälzt. Das Konzept kam aber erst richtig zum Tragen, als Tony Fadell eine Lösung ins Unternehmen brachte, die neben dem Gerät auch einen dazugehörigen Internet-Musikvertrieb vorsah, die Software iTunes. Über die Jahre etablierte sich dann in der Branche das, was die Musikindustrie zunächst vehement gescheut hatte. Das Herunterladen von Musik aus dem Internet statt den Verkauf auf CDs. Mit dem Apple-Angebot entstand ab 2001 aber ein legales Geschäftsmodell, wo Musik gegen Bezahlung rund um die Uhr aus dem virtuellen Plattengeschäft bezogen werden konnte.

Bestehendes völlig neu angehen

Dass es auch nach ersten Fortschritten mal holpern kann, zeigt das Beispiel des Nest Thermostats. Grundsätzlich noch immer auf der Erfolgsspur, waren die Zeiten zuletzt etwas unruhig. Fadell als Nest-Mitgründer gab seinen Posten als Chef 2016 auf, amtet aber noch als Berater. Das Unternehmen beschäftigt sich seit 2010 mit selbst lernenden und effizienten Raumthermostaten. 2014 wurde Nest von Google gekauft, dann nach der Konzernumstrukturierung der Google-Mutter Alphabet unterstellt. Seit dem Abgang von Fadell rätseln die Branchenmedien, was die Gründe sind: Lag es allenfalls am Führungsstil? Fadell selbst sagte einmal im Interview mit Bloomberg: «Man kann kein Omelett machen, ohne die Eier zu zerschlagen.» Oder waren es neue finanzielle Vorgaben unter dem Alphabet-Dach? Kommt hinzu, dass das tief in den Alltag eingreifende Internet der Dinge, von dem Nest ein Teil ist, anders als etwa ein Musikspieler auch Befürchtungen bei Konsumenten wecken kann.

Die genauen Gründe sind zwar weiterhin offen. Doch mit zahlreichen neuen Projekten, die Fadell als Investor am Aufbauen ist, richtet er den Blick wie gewohnt nach vorne – und investiert am liebsten in Start-ups, die nicht bloss auf Bestehendem aufbauen, sondern etwas völlig neu angehen. Oder um es modern zu sagen: Ideen, die disruptiv sind.