STANDORTANALYSE: Die Ostschweiz schöpft Kraft aus dem Mittelfeld

Nach dem Frankenschock kommen die Ostschweizer Firmen wieder in Fahrt, stellt die Credit Suisse fest. Punkto Standortqualität liegen die Kantone in der Mitte.

Thorsten Fischer
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Thorsten Fischer

Studien sind häufig Momentaufnahmen. Dennoch können sie für künftige Entwicklungen bedeutsam sein: Sie zeigen, wo eine Region besonders exponiert ist, worauf sie anfällig ist und wo sie besonders profitiert. Als einen solchen Kompass wollen Credit-Suisse-Ökonom Jan Schüpbach und CS-Regionenleiter Reto Müller die aktuelle Studie über den Kanton St. Gallen und die beiden Appenzell verstanden wissen.

Die grundlegende Botschaft, die sie gestern vor den Medien präsentierten, tönt positiv. In der stark industriell geprägten Wirtschaft der Kantone St. Gallen und beider Appenzell stehen die Zeichen auf Erholung. Dies nach einer Phase, in der sich die für die Region wichtige Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie mit erheblichen Schwierigkeiten konfrontiert sah. «Jetzt aber sind die Exporte überdurchschnittlich stark gestiegen und im Vergleich zur Gesamtschweiz beurteilen die St. Galler und Appenzeller Unternehmer die Entwicklung bei Produktion, Ertragslage, Auslastungsgrad und Auftragsbestand durchwegs positiver», lautet das Fazit.

Weder ganz oben noch ganz unten

Betrachtet man die Standortqualität insgesamt, liegen die drei Kantone im schweizerischen Mittelfeld. Nimmt man den Kanton Thurgau dazu – die CS hat ihn ebenfalls untersucht, die Resultate sind aber nicht im Band zu St. Gallen und Appenzell enthalten –, zeigt sich, dass der Thurgau im Kantonsranking gar der erste aufscheinende Ostschweizer Kanton ist, und zwar auf Platz neun. Es folgen Appenzell Ausserrhoden auf Platz zehn, Appenzell Innerrhoden auf 14 und St. Gallen auf 15 (siehe Grafik).

Zwar kommt keiner der Ostschweizer Kantone auch nur annähernd an den Kanton Zug auf Platz eins heran, der sich markant vom Schweizer Durchschnitt abhebt. Gleich weit ist die Ostschweiz aber auch vom anderen Ende der CS-Tabelle entfernt, wo sich etwa die Kantone Wallis und Jura befinden.

Sieben Kriterien festgelegt

Die Standortqualität zu berechnen, ist eine Wissenschaft für sich und hängt auch von den Kriterien ab, die man verwendet. Der Indikator der Credit Suisse, der die Attraktivität der Schweizer Regionen und Kantone aus Unternehmersicht misst, stellt die Attraktivität eines Gebiets in Form eines Index dar (Schweizer Mittelwert = 0)und basiert auf sieben Teilindikatoren.

Zu diesen Indikatoren zählen die Steuerbelastung von natürlichen und juristischen Personen, die Verfügbarkeit von Hochqualifizierten und Fachkräften sowie die Erreichbarkeit der Bevölkerung, der Beschäftigten und von Flughäfen. Landpreise und Lohnkosten wurden laut CS bewusst nicht berücksichtigt, weil sie in gewissem Sinne nichts anderes als das Spiegelbild der Attraktivität seien. Und die touristische Attraktivität einer Region orientiere sich an anderen Kriterien als die Standortgunst für Unternehmen. Solche Merkmale könnten auch nur bedingt quantitativ erfasst werden, weshalb sie im Index bewusst nicht berücksichtigt seien.

Ein interessanter Punkt, der auch ein gewisses Dilemma zeigt: Für Unternehmen ist die Erreichbarkeit essenziell. Handkehrum schadet etwas Abgeschiedenheit nicht, wenn man als Gebirgsregion für gewisse Tourismussegmente attraktiv sein will.

Von Erreichbarkeit und Steuern

Die CS hat es in ihrer Studie im Übrigen nicht bei den Kantonen belassen, sondern diese weiter in einzelne Wirtschaftsregionen verfeinert. Die Regionen Wil und Linthgebiet etwa profitierten von der Nähe zum Wirtschaftsraum Zürich, wird festgehalten. St. Gallen/Rorschach und das Rheintal seien eigenständige Ballungsräume und ausserdem gut durch Strasse und Schiene erschlossen. Der Thurgau punkte ebenfalls besonders durch Erreichbarkeit und Flughafennähe, wie Schüpbach betont.

Finanztechnisch bleibt eine grosse Frage, wie es weitergeht, nachdem die Unternehmenssteuerreform (USR) III an der Urne verworfen wurde. Umstrittenere Elemente, etwa die zinsbereinigte Gewinnsteuer, dürften enger gefasst oder ganz fallen gelassen werden, erwartet die CS. Die Möglichkeiten, die Bemessungsgrundlage zu verringern, würden kleiner: Der Trend hin zu mehr Steuerwettbewerb über tiefere, ordentliche Steuersätze hält daher an, heisst es in der Studie.

Publikation zu St. Gallen und beiden Appenzell im Internet unter: www.credit-suisse.com/publikationen (Märkte & Trends – Schweizer Wirtschaft)

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