Stagnation statt Rezession

Die Schweizer Wirtschaft hat das zweite Quartal besser gemeistert als erwartet. Weil aber einige Unwägbarkeiten bleiben, sind die Ökonomen uneins über die weitere Entwicklung.

Thomas Griesser Kym
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Angesichts der Umstände läuft die Schweizer Wirtschaft relativ gut. (Bild: Reto Martin)

Angesichts der Umstände läuft die Schweizer Wirtschaft relativ gut. (Bild: Reto Martin)

BERN. Nach einer Schrumpfung um 0,2% im 1. Quartal dieses Jahres hat die Schweizer Wirtschaft diese Kontraktion im 2. Quartal wieder mehr oder weniger wettgemacht: Das Bruttoinlandprodukt (BIP) stieg gegenüber dem Vorquartal um 0,2%. Damit ist das Wort Rezession zumindest vorerst vom Tisch: Per Definition ist von einer Rezession die Rede, wenn das BIP zwei Quartale in Folge zurückgeht. Allerdings: Unter dem Strich hat die Schweizer Wirtschaft im 1. Semester stagniert, und Eric Scheidegger, Direktor für Wirtschaftspolitik im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), spricht von «einer Vollbremsung» der Wirtschaft.

Aussenhandel als eine Stütze

Immerhin: Im Vorjahresvergleich stieg das BIP im 2. Quartal um 1,2%. Und Ökonomen und Analysten hatten der Schweiz durch die Bank eine Rezession prophezeit: Die ETH-Konjunkturforschung beispielsweise hatte für das 2. Quartal gegenüber dem Vorquartal ein BIP-Minus von 0,5% prognostiziert, die Bank J. Safra Sarasin war von –0,1% ausgegangen. Nun aber haben sich einmal die Warenexporte mit +0,5% stärker entwickelt als erwartet. Ökonomen urteilen, die leichte Konjunkturerholung in der Eurozone und in den USA habe geholfen; zudem hat besonders der Dollar gegenüber dem Franken wieder an Wert gewonnen. Auch unter dem Strich hat der Aussenhandel das BIP gestützt, denn die Importe nahmen überproportional ab, um 3,6%. An den Konsumenten kann das kaum liegen, denn Einkaufstourismus und Onlinekäufe im Ausland florieren als Folge der Frankenstärke. Folglich dürften die Unternehmen weniger Vorleistungen im Ausland bezogen haben, mutmasslich in Erwartung eines schwächeren Geschäftsgangs und zur Reduktion der Lagerkosten.

Bauindustrie auf dem Zenit?

Stützend wirkten auch der Privatkonsum, der trotz Einkäufen im Ausland um 0,3% zunahm, und die Ausrüstungsinvestitionen der Unternehmen (+1,5). Diese waren im 1. Quartal noch geschrumpft. Auch die Bauinvestitionen haben, auf hohem Niveau, nochmals leicht zugenommen, um 0,1%.

BAK bleibt vorsichtig

Für das laufende 2. Semester erwartet Martin Eichler, Chefökonom der BAK Basel, dass sich die Schweizer Wirtschaft «verhalten entwickelt». Darauf deuteten «bereits die schwachen Exportzahlen im Juli» hin. Die Ausfuhren der Schweizer Wirtschaft sanken im Juli im Vorjahresvergleich um 7,4% auf gut 17,9 Mrd. Franken. Real, also unter Ausklammerung von Preisveränderungen, betrug die Abnahme 4,9%. Allerdings stiegen die Exporte in die USA. Und die Importe nahmen mengenmässig um 0,2% zu, wobei die Schweizer Unternehmen dafür aber 8,3% weniger bezahlen mussten.

Verunsicherung wegen China

Die Aufwertung des Frankens habe die Schweizer Wirtschaft «langsamer und in einem geringeren Ausmass» nach unten gezogen als erwartet, schreibt Alessandro Bee, Ökonom bei J. Safra Sarasin. Jedoch gehe er nun davon aus, dass «die Schweizer Wirtschaft mehr Zeit braucht, um dem Abschwung zu entfliehen». Für das 2. Semester zeigt er sich etwas pessimistischer als bisher. Eichler von der BAK sagt, diese werde ihre revidierte Konjunkturprognose am Freitag in knapp zwei Wochen vorstellen – «auch wie sich die aufgrund der aktuellen Entwicklung in China gestiegenen Unsicherheiten niederschlagen könnten». Im Juni war die BAK für 2015 von einem Wachstum des Schweizer BIP um 0,6% ausgegangen.

UBS verdoppelt ihre Prognose

Zuversichtlicher als bisher zeigt sich die UBS. Ihre Ökonomen Dominik Studer und Bernd Aumann haben die Wachstumsprognose für das ganze laufende Jahr von 0,5% auf 1% glatt verdoppelt, was aber dennoch «vergleichsweise schwach» sei. Für 2016 haben sie die Vorhersage von 1,1% auf 1,4% angehoben. Als Begründung nennen die beiden UBS-Ökonomen «die bessere Entwicklung des BIP im 2. Quartal und den schwächeren Franken». Gleichzeitig prognostiziert die UBS, dass sich auch die Wirtschaft der Eurozone, dem wichtigsten Schweizer Handelspartner mit Deutschland an der Spitze, weiter erholt. Die Grossbank rechnet damit, dass das BIP im Euroland 2015 um 1,4% expandiert und kommendes Jahr um 1,9%. Diese erhoffte Beschleunigung sollte laut der UBS die Schweizer Exporte im 2. Semester unterstützen. Insgesamt aber schätzt die UBS den direkten negativen Effekt der Frankenaufwertung auf die realen Warenexporte der Schweiz in die Eurozone auf gut 3 Mrd. Fr. dieses Jahr.