Stagnation in der Schweiz

Die Finanzkrise mündet nun auch in der Schweiz in eine Konjunkturkrise. Laut ETH Zürich wird die Schweizer Wirtschaft 2009 per saldo praktisch stagnieren. Der Wachstumseinbruch soll aber relativ kurz sein.

Hansueli Schöchli
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Der Schweizer Wirtschaft stehen kühlere Monate bevor. (Bild: ky/Laurent Gilliéron)

Der Schweizer Wirtschaft stehen kühlere Monate bevor. (Bild: ky/Laurent Gilliéron)

Die Schweiz ist keine Insel der Glückseligen. Als kleine offene Volkswirtschaft ist sie mehr oder weniger auf Gedeih und Verderben den Wellen der internationalen Konjunktur ausgeliefert. Während über vier Jahren stand das Gedeihen im Vordergrund, nun ist eher ein Stück Verderben angesagt. Die Trendwende im laufenden Konjunkturzyklus – ausgelöst durch die US-Immobilienkrise – hat Europa Monat um Monat etwas stärker erfasst. Heute rechnen die Fachleute in vielen Ländern Europas mit einem ziemlich ruppigen Konjunkturabschwung.

Im Sog Europas

In der Schweiz hatten die Prognostiker überdurchschnittlich lange Durchhalteparolen verkündet. Ja, auch die Schweiz könne sich dem internationalen Trend nicht entziehen, so hiess es zwar: Aber dank der starken Stellung der hiesigen Exportwirtschaft in den immer noch stark wachsenden Schwellenländern und dank der guten Binnenkonjunktur werde der hiesige Abschwung relativ sanft ausfallen. Noch vor Monatsfrist ergab eine Umfrage bei 25 Instituten dieses Bild: Die Schweizer Wirtschaft wird im 2. Halbjahr 2008 zwar kaum mehr stark wachsen, aber 2009 wieder um ansehnliche 1,5% – was schlimmstenfalls zu einer leichten Zunahme der Arbeitslosigkeit führt.

Nun sieht das Bild einiges düsterer aus. Zumindest laut der jüngsten Prognose der ETH-Konjunkturforschung KOF. Deren Kernbotschaft: «Schweizer Wirtschaft im Sog des Konjunktureinbruchs in Europa.» Die vierjährige Periode überdurchschnittlichen Wachstums werde «überraschend schnell beendet sein», erklärt die KOF. Im Winterhalbjahr (Oktober 08 bis März 09) werde die Wirtschaft sogar leicht schrumpfen.

Für das Gesamtjahr 2009 rechnet die KOF nun nur noch mit einem Wirtschaftswachstum von 0,3%. Den konjunkturellen Tiefpunkt erreiche die Schweiz bereits in den kommenden zwei Quartalen, danach werde es wieder langsam aufwärtsgehen.

Weniger markant und kürzer

Der Konjunktureinbruch ist laut den KOF-Experten vergleichbar mit dem Einbruch nach dem Platzen der Internet-Börsenblase von 2001. Allerdings werde die kommende Abkühlung weniger markant sein und vor allem weniger lange dauern. Die Basis für diese Hoffnung: Die Wirtschaft in den wichtigsten Märkten für die hiesige Exportindustrie (wie Europa und USA) sollte allmählich wieder zulegen – wenn auch nur sachte. Erst gegen Ende 2009 wird die Schweizer Wirtschaft laut KOF wieder in einem «Normaltempo» (1,5% bis 2% aufs Jahr gerechnet) wachsen.

Steigende Arbeitslosigkeit

Die Abkühlung der Konjunktur hinterlässt auch Spuren am Arbeitsmarkt. Der in den letzten Jahren stetige Anstieg der Beschäftigung «wird schnell zu Ende gehen», betont die KOF: Sie rechnet zwar nicht mit einer Entlassungswelle in der Schweizer Wirtschaft, da der Abschwung relativ kurz ausfallen werde. Doch zu erwarten sei, dass Firmen freiwillige Abgänge oft nicht voll ersetzen. Dies träfe vor allem Jugendliche, die neu auf den Arbeitsmarkt wollen. Für 2009 und 2010 rechnet die KOF mit einem Rückgang der Gesamtbeschäftigung. Die Arbeitslosenquote steigt laut Prognose von 2,5% (2008) auf 2,8% (2009) und 3,1% (2010). Die Löhne dürften derweil 2009 um weniger steigen als vor kurzem angenommen.

Rutscht nun also auch die Schweiz in eine Rezession? Die KOF spricht von einem «milden und kurzen Rezessionsszenario». Alles ist eine Frage der Definition. Gemäss der einfachen technischen Definition – Rezession ist, wenn die Wirtschaft mindestens zwei Quartale in Folge schrumpft – ist laut KOF eine Rezession für das kommende Winterhalbjahr zu erwarten. Gemäss einer breiteren, aber diffuseren Definition – ein deutlicher und längerer Rückgang der Aktivitäten, der sich für viele wie eine Rezession anfühlt – kommt die Schweiz voraussichtlich um eine Rezession herum.

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