Stadler streckt seine Fühler immer weiter in Südamerika aus

Nach Aufträgen aus Brasilien oder Bolivien möchte der Ostschweizer Schienenfahrzeugbauer auch in Kolumbien ins Geschäft kommen. Stadler arbeitet an einem Projekt für eine Tramlinie in der Millionenstadt Barranquilla mit.

Thomas Griesser Kym
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Visualisierung des Tramprojekts in der kolumbianischen Millionenstadt Barranquilla. (Bild: ATT)

Visualisierung des Tramprojekts in der kolumbianischen Millionenstadt Barranquilla. (Bild: ATT)

Südamerika ist für Stadler kein unbekanntes Terrain. Vor gut sechs Jahren präsentierte das Unternehmen am Hauptsitz in Bussnang die stärkste Zahnradlokomotive der Welt. Von dieser wurden sieben Stück für die Verbindung zwischen der brasilianischen Metropole São Paulo und dem Hafen von Santos hergestellt, um vornehmlich Güterwaggons zu ziehen, die mit Eisenerz beladen sind. Dieses Jahr hat Stadler ausserdem zwei Aufträge aus Bolivien erhalten, einen für drei Loks, eine für zwölf Stadtbahnen. Und Stadler interessiert sich auch für das Projekt einer Transkontinentalbahn von Peru an der Pazifikküste via Bolivien nach Santos an der Atlantikküste.

Ein weiteres Projekt ist jenes einer Tramlinie in der kolumbianischen Millionenstadt Barranquilla. In der viertgrössten Metropole des Landes ist eine 9,5 Kilometer lange Linie auf der Calle 30 geplant. Diese Strasse ist eine Hauptverkehrsachse von Nord nach Süd, die vom Stadtzentrum nach Soledad führt, wo der Flughafen Ernesto Cortissoz liegt. Den konkreten Projektvorschlag eingereicht hat A Todo Tren (ATT). Im Konsortium mit dabei sind neben Stadler auch der spanische Infrastrukturentwickler Cointer Concesiones und die Verkehrsgesellschaft Transdev mit Hauptsitz in Paris.

Leichte Stadtbahnen für über 100'000 Fahrgäste pro Tag

Ein Knackpunkt ist die Finanzierung. Aber auch hier geht es voran. Kürzlich hat das kolumbianische Ministerium für Finanzen und öffentliche Kredite den Finanzierungsrahmen für das Projekt genehmigt, das als öffentlich-private Partnerschaft (PPP) ausgestaltet ist. Demnach soll der Privatsektor 70 Prozent des Projekts finanzieren und die Stadtverwaltung die übrigen 30 Prozent.

Laut dem ATT-Plan ist vorgesehen, die neue Tramlinie mit 15 Haltestellen auszurüsten. Stadler könnte als Lieferant des Rollmaterials laut früheren ATT-Angaben 22 Light Rail Vehicles (LRV) liefern, also Stadtbahnen, die mit einer Höchstgeschwindigkeit von 70 bis 80 km/h schneller sind als gewöhnliche Strassenbahnen. Jedes LRV soll 32 Meter lang sein und 306 Fahrgästen Platz bieten. Pro Tag wolle man zunächst über 100'000 Passagiere befördern, doch wird für einige Jahre später ein Wachstum auf bis zu 115'000 prognostiziert.

Die Bauzeit der projektierten Linie ist auf zwei bis zweieinhalb Jahre veranschlagt. Über die Bedingungen der vorgeschlagenen Vereinbarung mit ATT beugt sich als nächste Instanz nun der Bezirksrat von Barranquilla.

Stadler bringt Züge in Ungarn auf den neusten Stand

123 Triebzüge des Typs Flirt hat Stadler seit 2006 an die ungarischen Staatsbahnen MÁV geliefert. Nun hat Stadler von den MÁV den Auftrag erhalten, die 60 Züge der ersten Phase von 2006 bis 2010 aufzurüsten, um so die Flotte zu harmonisieren. 

Der Auftrag läuft über drei Jahre und hat einen Wert von 16,7 Millionen Dollar (16,5 Millionen Franken). Stadler wird in den Zügen unter anderem Informationen in Braille für sehbeeinträchtigte Personen anbringen, in den Toiletten eine Anti-Graffiti-Schicht aus Kunststoff auftragen, das Fahrgastinformations- und das Überwachungssystem aufdatieren usw. Die MÁV haben auch die Option, die älteren Züge von rot auf blau umlackieren zu lassen, um sie mit dem jüngeren Rest der Flotte zu vereinheitlichen. (T.G.)