Stadler kämpft um einen milliardenschweren Auftrag in Norwegen – Aussicht auf bis zu 200 Züge

Viel Erfahrung in Norwegen und ein passendes Produkt: Der Ostschweizer Schienenfahrzeugbauer Stadler bringt alles mit, um sich für einen riesigen Auftrag aus dem skandinavischen Land zu qualifizieren. Doch auch namhafte Konkurrenten sind interessiert.

Thomas Griesser Kym
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Ein Stadler-Flirt des staatlichen norwegischen Verkehrskonzerns Vy.

Ein Stadler-Flirt des staatlichen norwegischen Verkehrskonzerns Vy.

Bild: PD

Es ist ein milliardenschwerer Auftrag. Die norwegische Rollmaterialgesellschaft Norske Tog will bis zu 200 elektrische Triebzüge beschaffen. Das hat auch Stadler auf den Plan gerufen. Der Ostschweizer Schienenfahrzeugbauer mit Verwaltungsratspräsident Peter Spuhler hat sich in dem Verfahren vorqualifiziert, ist nun also eingeladen, im Rahmen der Ausschreibung ein Angebot einzureichen.

Wie stehen die Chancen? Einerseits ist die Konkurrenz gross: Neben Stadler haben sich fünf weitere Hersteller vorqualifiziert: Die französische Alstom, die kanadische Bombardier, die spanische CAF, die europäische Filiale der japanischen Hitachi Rail und die deutsche Siemens.

Stadler ist in Norwegen erprobt

Stadler-Verwaltungsratspräsident und Ankeraktionär Peter Spuhler.

Stadler-Verwaltungsratspräsident und Ankeraktionär Peter Spuhler.

Bild: Urs Bucher

Andererseits hat Stadler in Norwegen schon beachtliche Erfolge gefeiert. So hat Norwegen im Jahr 2008 bei Stadler 150 Triebzüge des Typs Flirt geordert, die im Werk am Stadler-Hauptsitz in Bussnang gefertigt und in mehreren Tranchen an Norske Tog und die Staatsbahn NSB (heute Vy) ausgeliefert worden sind, wobei die letzten Fahrzeuge dieses und nächstes Jahr übergeben werden.

Allein die erste Tranche aus 50 Zügen war 640 Millionen Franken wert. Stadler hat in Norwegen ausserdem 2017 und 2019 Verträge für die Instandhaltung der Flirt-Flotte an Land gezogen. Und Stadler hat die Stadt Bergen wiederholt mit Stadtbahnen beliefert.

Norske-Tog-Chef Øystein Risan.

Norske-Tog-Chef Øystein Risan.

Bild: PD

Norske-Tog-Chef Øystein Risan sagt denn auch, neben Kriterien wie Preis, Wirtschaftlichkeit usw. spiele bei der Auftragsvergabe auch eine Rolle, «dass die möglichen Lieferanten der neuen Züge grosse Erfahrungen aus früheren Projekten mitbringen».

Moderner Ersatz für Rollmaterial aus dem vergangenen Jahrhundert

Im Rahmen der jüngsten Ausschreibung will Norske Tog zunächst 30 Züge fest beschaffen, verbunden mit einer Option auf bis zu 170 weitere Züge. Sie sollen 40 Jahre alte Fahrzeuge im Regionalverkehr der Hauptstadt Oslo auf der Linie zwischen Stabekk und Ski ersetzen.

Die Tatsache, dass die neuen Züge mit 110 Metern länger sein sollen als die alten (77 Meter) und mehr Passagiere befördern können (700 bis 800 statt 570), zeigt, dass die Bahngesellschaft die Kapazität erhöhen möchte.

Stadler kann den Intercity-Flirt ins Rennen schicken

Die ersten neuen Züge sollen gemäss Plan im Jahr 2023 geliefert werden. Norske Tog erwartet die Angebote bis Oktober und hat vor, den Vertrag Anfang 2021 zu unterzeichnen. Die Züge sollen mindestens 160 km/h schnell sein, vorzugsweise aber bis zu 200 km/h, um auch für den landesweiten Einsatz in Frage zu kommen.

Dafür ist Stadler mit dem Intercity-Flirt 200, der Fernverkehrsausführung des Regionaltriebzugs Flirt, gut gerüstet. Die erste Bestellung für den Flirt 200 hatte Stadler 2008 erhalten – es war jene aus Norwegen. Später gingen auch Aufträge aus Polen, Schweden und Weissrussland ein.

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