Rappelvolle Auftragsbücher: Stadler hat alle Hände voll zu tun

Der Schienenfahrzeugbauer hat Aufträge in Hülle und Fülle, aber auch einige Sorgen wie die Frankenstärke. Und einen unzufriedenen Kunden in England.

Thomas Griesser Kym
Drucken
Teilen
Blick in die Produktion im Stadler-Werk am Hauptsitz in Bussnang. (Bild: Donato Caspari, 12. August 2019)

Blick in die Produktion im Stadler-Werk am Hauptsitz in Bussnang. (Bild: Donato Caspari, 12. August 2019)

Aufträge im Wert von 14,4 Milliarden Franken hat Stadler zur Jahresmitte in den Büchern gehabt. Damit sind diese so dick wie nie zuvor, und gegenüber Ende 2018 hat der Auftragsbestand um 9 Prozent zugenommen (siehe Tabelle). Dabei ist der US-Grossauftrag der Metro in Atlanta über 127 Kompositionen für über 600 Millionen Dollar noch nicht einmal berücksichtigt. Das soll aber, nachdem eine Einsprache beigelegt werden konnte, noch dieses Jahr geschehen.

Stadler hat Arbeit für ein paar Jahre

Kennzahlen in Millionen Franken
I/2018 I/2019 Veränd. in %
Auftragseingang 831 2310 178
Auftragsbestand *13'179 14'383 9
Umsatz 798 115 40
Betriebsergebnis 35.2 46.9 33
Konzerngewinn 7.6 27.5 263
Mitarbeiter 8294 10'491 26
*per Ende 2018

Stadler bucht Aufträge erst, wenn der Vertrag rechtsgültig unterzeichnet und die Finanzierung geklärt ist. Pendent ist deshalb beispielsweise auch der Berliner-U-Bahn-Auftrag für 3 Milliarden Euro, gegen dessen Vergabe an Stadler der unterlegene Konkurrent Alstom vor Gericht gezogen ist, oder der Rahmenvertrag für bis zu 80 Stadtbahnen für Mailand, gegen den eine Beschwerde hängig ist.

Stadler-Chef Thomas Ahlburg. (Bild: Reto Martin)

Stadler-Chef Thomas Ahlburg. (Bild: Reto Martin)

Die Flut an Aufträgen – gegenwärtig arbeitet Stadler deren 150 ab – hat zwecks Kapazitätsausbaus und Modernisierung die Investitionen befeuert. Diese wurden im ersten Halbjahr 2019 auf 154 Millionen Franken gut verdreifacht, wie Stadler-Chef Thomas Ahlburg an einer Telefonkonferenz sagte.

Die fetten Monate des Jahres stehen noch bevor

Stadler hat in den USA das Werk in Salt Lake City eröffnet, investiert in St.Margrethen 85 Millionen in einen Ersatz für das alte Werk in Altenrhein, erweitert die Fabrik in Berlin-Pankow und hat zwei neue Depots für die Instandhaltung in Herne und Lodz in Betrieb genommen. Bis 2023 soll der Anteil des Servicegeschäfts sowie der zukunftsträchtigen Signaltechnik einen Umsatzanteil von einem Viertel erreichen. Im Bahnbau wiederum beobachtet Ahlburg einen Rückgang des Anteils der Züge (von 62 auf 57 Prozent) zu Gunsten vermehrter Bestellungen von Lokomotiven und massgeschneiderten Schienenfahrzeugen, einer Spezialität Stadlers.

Umsatz und Ergebnisse hat das Unternehmen im ersten Semester gesteigert. Wobei diese Kurzperiodenzahlen nicht viel aussagen, da Stadlers Grossprojekte langfristiger Natur sind. Hinzu kommt, dass bei Stadler etwa zwei Drittel des Jahresumsatzes in der zweiten Jahreshälfte anfallen, weil viele Bahnen neue Züge gegen Ende Jahr in Betrieb nehmen, wenn die Fahrplanwechsel anstehen. Für ganz 2019 rechnet Ahlburg mit 3,5 Milliarden Franken Umsatz und einer betrieblichen Marge von 7 Prozent, was auf ein Betriebsergebnis von knapp 250 Millionen hinausliefe. Mittelfristiges Ziel bleibe eine Marge von 8 bis 9 Prozent.

Der starke Franken als mögliches Hemmnis

Stadler gereicht zum Vorteil, dass angesichts des Bevölkerungswachstums und der Verstädterung die Nachfrage nach Transportmöglichkeiten steigt und in diesem Kontext die Bahn gute Karten habe, auch mit Blick auf den Umweltschutz. In diesem Zusammenhang streicht Ahlburg auch den Auftrag über 55 Regionaltriebzüge des Typs Flirt Akku für Schleswig-Holstein heraus, mit dem Stadler eine neue Ladetechnologie für Batterieantrieb lanciert hat.

Stadler-Ankeraktionär und Verwaltungsratspräsident Peter Spuhler. (Bild: Andrea Stalder)

Stadler-Ankeraktionär und Verwaltungsratspräsident Peter Spuhler. (Bild: Andrea Stalder)

Etwas Sorgen bereiten Ahlburg zunehmender Protektionismus, die Handelskonflikte, die Wirren um den Brexit, das schwächere Wirtschaftswachstum und der starke Franken. Betreffend Währung sagte Stadler-Verwaltungsratspräsident und Ankeraktionär Peter Spuhler vergangene Woche am Richtfest in St.Margrethen, «die Frankenstärke kann sicher einen Einfluss haben auf Umsatz und Marge, wenn sie anhält».

Dennoch demonstriert Spuhler Zuversicht, auch mit Blick auf den rekordhohen Auftragsbestand und weitere Ausschreibungen etwa in Dänemark oder Österreich, an denen sich Stadler beteiligt. Zudem zeichne sich ab, dass die schwedische Mälab, die Anfang vergangenen Jahres 33 Triebzüge bestellte, Optionen einlöse. Diese umfassen bis zu 110 zusätzliche Fahrzeuge.

Ein verstimmter Kunde in England

Als ein potenzielles finanzielles Risiko in Form möglicher Strafzahlungen nennt Stadler den 610 Millionen Pfund teuren England-Auftrag der 58 Flirt-Züge für East Anglia. Zwar habe man in Rekordzeit die Zulassung der Triebzüge erreicht, doch verzögere sich die Abnahme durch den Kunden Abellio Greater Anglia. Dieser stuft, wie Ahlburg sagt, die Leistung eines Subsystems in den Zügen als ungenügend ein. Geliefert hat dieses System ein mittelständisches britisches Unternehmen. Ahlburg: «Wir stehen mit dem Kunden in Verhandlungen.»