Stabsübergabe
Ist der reichste Mann der Welt austauschbar? Dieser Mann ersetzt Amazon-Gründer Jeff Bezos

Andy Jassy wird am 5. Juli neuer Konzernchef von Amazon. Auf den Nachfolger von Unternehmensgründer Jeff Bezos warten grosse Herausforderungen – aus Washington D.C., aber auch aus den eigen Reihen.

Renzo Ruf aus Washington
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Die neue Nummer 1 bei Amazon: Der 53-jährige Andy Jassy.

Die neue Nummer 1 bei Amazon: Der 53-jährige Andy Jassy.

Aws / www.imago-images.de

Scheu ist er nicht. Als Gastgeber der jährlichen Konferenz re:Invent, die Andy Jassy seit neun Jahren in Las Vegas ausrichtet, liebt der Technologie-Manager den grossen Auftritt. Zuletzt sprach der 53-Jährige im Herbst 2019 vor mehr als 60'000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern und informierte sie drei Stunden lang über neue Produkte von Amazon Web Service (AWS), dem Cloud-Computing-Tochterunternehmen des Internet-Giganten Amazon.com.

Amazon-Gründer Jeff Bezos übernimmt neu das Präsidium beim Internet-Riesen.

Amazon-Gründer Jeff Bezos übernimmt neu das Präsidium beim Internet-Riesen.

John Locher / AP

Und obwohl Jassy während diesen Präsentationen wirkt wie der unprätentiöse Familienvater von nebenan, hat sein Wort Gewicht – ist die stark wachsende Cloud-Computing-Sparte mit einer Gewinnmarge von mehr als 30 Prozent doch das eigentliche Filetstück von Amazon.

Ganz abtreten will Bezos nicht

Trotzdem: Heute, wenn Jassy nach einer mehrmonatigen Übergangsphase endlich in die Fussstapfen des reichsten Mannes der Welt tritt, werden Freund und Feind den Atem anhalten. Denn der gebürtige New Yorker, dessen Vorfahren aus Ungarn stammen, ist Teil eines Experiments mit offenem Ausgang.

So muss Jassy nicht nur unter Beweis stellen, ob er Jeff Bezos ersetzen kann, den Gründer und langjährigen Konzernchef von Amazon.com. Er wird auch zeigen müssen, dass er die Fähigkeiten besitzt, das aggressiv auftretende Unternehmen durch zunehmend stürmische Gewässer zu steuern – scheint die Regierung von US-Präsident Joe Biden doch gewillt, die Eskapaden der Technologie-Industrie nicht mehr länger kommentarlos zu tolerieren. So will Washington künftig Unternehmen stärker auf die Finger schauen, die eine marktbeherrschende Stellung besitzen.

Und, als wäre dies nicht schon Herausforderung genug: Bezos tritt am Montag nicht etwa in den Ruhestand. Der 57-Jährige, der sich jüngst als Bonvivant neu erfunden hat, trägt künftig den Titel «Executive Chairman» und amtiert damit als Präsident des Amazon-Verwaltungsrates mit besonderen Befugnissen. Er wird also ständig präsent sein, wenn sein Nachfolger Entscheidungen fällt und Kompromisse eingeht.

Apple-Gründer Steve Jobs wurde 1985 vom Verwaltungsrat aus seiner eigenen Firma gedrängt.

Apple-Gründer Steve Jobs wurde 1985 vom Verwaltungsrat aus seiner eigenen Firma gedrängt.

Paul Sakuma / AP

Das kann gut gehen, wie das Beispiel der Stabsübergabe von Bill Gates zu Steve Ballmer bei Microsoft im Jahr 2000 zeigt. Gates fand sich schnell mit seiner neuen Rolle ab, und liess Ballmer gewähren. In der Geschichte des modernen US-amerikanischen Kapitalismus gibt es aber ausreichend Beispiele für Machtkämpfe zwischen Unternehmensgründern und ihren potenziellen Nachfolgerinnen und Nachfolgern, in denen ersterer das Nachsehen hatte. So musste Steve Jobs, Gründer des Technologie-Konzerns Apple, sein eigenes Unternehmen im Jahr 1985 verlassen, weil er das Vertrauen des Verwaltungsrates verloren hatte. (Er kehrte 12 Jahre, geradezu triumphal, als Retter der Firma zurück.)

Direkt von der Harvard Business School zu Amazon

Jassy kommt zugute, dass er mit Bezos und seinen Macken vertraut ist. Er heuerte im Frühjahr 1997 bei Amazon an, kurz vor dem Börsengang des Internet-Unternehmen, das sich damals noch auf den Verkauf von Büchern konzentrierte. Jassy hatte damals einen Abschluss der renommierten Harvard Business School und nicht viel mehr. «Ich wusste nicht, wie mein Job aussehen, für welche Gruppe ich arbeiten und welchen Titel ich tragen würde», sagte er kürzlich in einem Podcast-Interview über seinen Einstieg bei Amazon.

Rasch kletterte Jassy die Karriereleiter hoch. Er wurde Teil einer Abteilung, die sich - im Auftrag von Bezos - damit beschäftigte, neue Geschäftsfelder für Amazon zu finden und schlug eine Expansion ins Musikgeschäft vor. (Ein Vierteljahrhundert später sind über die Plattform Amazon Music mehr als 70 Millionen Songs abrufbar.) Später amtierte Jassy als temporärer Stabschef von Bezos und begleitete ihn auf Schritt und Tritt.

Während einer Sitzung zu Beginn der 2000er-Jahre, die angeblich in Bezos' Villa am Lake Washington bei Seattle stattfand, hatte Jassy dann die Idee, die den Grundstein für seinen Aufstieg an die Spitze des Unternehmens legte. Er machte sich für die Gründung eines unabhängigen Cloud-Computing-Unternehmens unter dem Dach von Amazon stark. Amazon Web Services, sagte Jassy zu Bezos, könne die Infrastruktur zur Verfügung stellen, die das Mutterunternehmen benötige, falls es weiter expandieren wolle.

Während einer Sitzung zu Beginn der 2000er-Jahre, die angeblich in Bezos' Villa am Lake Washington bei Seattle stattfand, hatte Jassy dann die Idee, die den Grundstein für seinen Aufstieg an die Spitze des Unternehmens legte. Er machte sich für die Gründung eines unabhängigen Cloud-Computing-Unternehmens unter dem Dach von Amazon stark. Amazon Web Services, sagte Jassy zu Bezos, könne die Infrastruktur zur Verfügung stellen, die das Mutterunternehmen benötige, falls es weiter expandieren wolle.

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