SPRACHKURS: Molière auf der Baustelle

In Frankreich verlangen neuerdings mehrere Regionen, dass ausländische Arbeiter die Landessprache beherrschen. Im Visier sind vor allem Entsendete.

Stefan Brändle, Paris
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Französisch ist Pflicht auf vielen Baustellen in Frankreich. (Bild: Getty)

Französisch ist Pflicht auf vielen Baustellen in Frankreich. (Bild: Getty)

Stefan Brändle, Paris

Das Thema ist politisch explosiv: Kann man von ausländischen Bauarbeitern verlangen, dass sie die Sprache ihres Wohnsitzlandes beherrschen? Die westfranzösische Stadt Angoulême bejaht dies und fordert, dass auf Baustellen der öffentlichen Hand Französisch gesprochen oder zumindest verstanden wird. «Als wir ein neues Spital bauten, fand ich vor Ort keinen Ansprechpartner, weil niemand Französisch sprach», sagte der städtische Finanzdirektor Vincent You. «Deshalb richteten wir die Klausel ein, die sich als sehr wirksam erwiesen hat.»

Die Bestimmung, genannt «Molière-Klausel», hält Arbeitgeber konkret an, einen gerichtlichen Übersetzer beizuziehen, wenn sie einen ausländischen und sprachunkundigen Arbeiter anstellen wollen. Von Angoulême 2016 eingerichtet, haben jüngst mehrere Landesregionen wie die Normandie, Rhône-Alpes (um Lyon) oder Nordfrankreich diese Massnahme übernommen; der Grossraum Paris mit über 10 Mio. Einwohnern hat sich im März angeschlossen. Treibende Kraft in den Regionalräten waren jeweils die konservativen Republikaner.

Seither wogt die Debatte hoch. Die französische Regierung lehnt die Klausel als «diskriminierend» ab. «Man bezeichnet immer die gleichen Sünden­böcke», sagte Arbeitsministerin Myriam El Khomri von den Sozialisten. Der bürgerliche Regionalratspräsident Laurent Wauquiez konterte in Lyon, es gehe nicht zuletzt um die Sicherheit der Arbeiter. Er hat deshalb eine «Kontrollbrigade» geschaffen, die auf den Baustellen darauf zu achten hat, ob sämtliche Arbeiter die Sicherheitsbestimmungen wie etwa das Helmtragen verstanden haben.

«Sollen die jetzt vielleicht alle Polnisch lernen?»

Die Stossrichtung ist aber politisch. Sie richtet sich vorab gegen die EU-Entsende-Richtlinie, welche die periodische Anstellung von EU-Ausländern ermöglicht. Diese Direktive hat in Frankreich einen sehr schlechten Ruf. Die Linke, aber auch der rechte und europafeindliche Front National laufen dagegen seit Jahren Sturm. Sie prangern Interimsagenturen in Zypern oder in Irland an, die mit verschachtelten Organisationen EU-Regeln umgehen. Die offizielle Zahl von 220000 entsendeten Arbeitern in Frankreich dürfte in Wahrheit bedeutend höher liegen. Die meisten stammen aus Osteuropa und leben unter unwürdigen Bedingungen, teils sogar unter freiem Himmel, ­damit ihnen keine missbräuchlichen «Wohnauslagen» vom Mindestlohn abgezogen werden.

Gewerkschafter meinen, die «Molière-Klausel» sei auch als Hintertür gedacht, um eine Art nationalen Vorrang einzurichten, wie das der Front National wünsche. Der gescheiterte Präsidentschaftskandidat der Linken, Jean-Luc Mélenchon, bezeichnete die Klausel als «pure Heuchelei»; wichtiger wäre es, meint er, die Arbeitsgesetze auf den Bau­stellen, in den Weinbergen oder Schlachthäusern einzuhalten.

Arbeitsjuristen wie Frédéric Sicard meinen, es sei Sache der normalen Arbeitsinspektion, für die Einhaltung der Sicherheits­bestimmungen zu sorgen. Kein Gesetz erlaube es hingegen, die Verwendung einer bestimmten Sprache vorzuschreiben. Auch aus diesem Grund legt es die Regierung in Paris eher darauf an, die Entsende-Richtlinie zu reformieren. Eine Initiative für das Prinzip «gleicher Lohn auf der gleichen Baustelle» wurde aber von elf osteuropäischen Ländern 2016 zurückgewiesen. Ein neuer Vorstoss vom November versucht, den entsendeten Arbeitern aus Polen oder Bulgarien minimale Rechte wie den 13. Monatslohn einzuräumen. Auch dagegen sträubt sich aber Osteuropa.

In Frankreich hat Marine Le Pen vom Front National deshalb leichtes Spiel, gegen die Richtlinie und damit gegen die EU Stimmung zu machen. Ihr Kontrahent um die französische Präsidentschaft, Mittekandidat Emmanuel Macron, verweist allerdings darauf, dass auch 200000 Fran­zosen in anderen EU-Ländern arbeiten: «Sollen die jetzt vielleicht alle Polnisch lernen?»