Sponsoring
Film ab: Doch ohne Firmengelder ist ein Filmfestival von Locarno gar nicht möglich

Das Filmfestival von Locarno, eine 15-Millionen-Franken-Grossproduktion, hat treue Partner - auch in der Wirtschaft. Alle 150 sind trotz Corona an Bord geblieben.

Florence Vuichard
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Die Piazza Grande: Das Herzstück des Filmfestivals von Locarno.

Die Piazza Grande: Das Herzstück des Filmfestivals von Locarno.

Keystone

Marco Solari muss in diesen Tagen viele Reden halten – und hat dabei immer wieder neue Geschichten auf Lager. Wie etwa jene aus seinen Anfangstagen beim Filmfestival von Locarno, dessen Präsidium er 2000 übernommen hatte: Er war damals auf Geldersuche, wollte nebst UBS und Swisscom weitere Sponsoren gewinnen. Angeklopft hat er dann auch bei der Post, oder besser gesagt, beim damaligen Post-Chef Ulrich Gygi, den er aus gemeinsamen Gymnasiumszeiten her kannte.

Marco Solari hat in seiner Amtszeit als Festivalpräsident das Budget auf gut 15 Millionen Franken verdoppelt.

Marco Solari hat in seiner Amtszeit als Festivalpräsident das Budget auf gut 15 Millionen Franken verdoppelt.

Keystone

Vergessen werden die beiden das Treffen, das am denkwürdigen 11. September 2001 stattfand, nie. Mitten im Gespräch stürmte Gygis Sekretärin ins Büro und stellte den Fernseher an. So haben sie gemeinsam gesehen, wie die Türme in New York in sich zusammenbrachen.

Geld hat Gygi dann trotzdem gesprochen. «Er hat den Reigen eröffnet», wie Solari es ausdrückt. Einen Reigen, dem sich viele weitere angeschlossen haben. Heute zählt das Festival rund 150 Sponsoren respektive «Partner», wie es seit wenigen Jahren offiziell heisst.

Hauptpartner zahlen rund eine halbe Million pro Jahr

Die Palette reicht vom kleinen Unternehmen vor Ort, das bei einer technischen Installation einen grosszügigen Rabatt gewährt, bis zu den fünf grossen «Hauptpartnern»: Das sind die Tourismusregion Ascona-Locarno sowie UBS, Manor, Mobiliar und Swisscom, die alle je rund eine halbe Million Franken pro Jahr einzahlen dürften.

Raphaël Brunschwig ist der operative Chef des Filmfestivals von Locarno.

Raphaël Brunschwig ist der operative Chef des Filmfestivals von Locarno.

Keystone

Das Filmfestival freilich nennt keine Einzelbeträge, sondern nimmt nur eine grobe Einteilung vor: Insgesamt steuerten die privaten «Partner» rund 5 Millionen Franken pro Jahr bei, sagt Raphaël Brunschwig, operativer Direktor des Filmfestivals.

Weitere 7 Millionen stammen von der öffentlichen Hand und nochmals 3 Millionen Franken erwirtschaftet das Festival in Nicht-Coronajahren selbst – mit den Ticketverkäufen, Mitgliederbeiträgen oder Werbeeinnahmen. In der Ära Solari hat sich damit das Festivalbudget von 7,5 Millionen auf gut 15 Millionen Franken verdoppelt.

Die «privaten Partner» seien wichtig, sagt Brunschwig. In Zeiten von Corona seien sie gar «überlebenswichtig». Und die Firmen hätten grosse Treue bewiesen:

«Es ist kein einziger Partner abgesprungen.»

Im Gegenteil: Er habe neue hinzugewinnen können, wie etwa Davide Campari. Die Apéro-Marke aus dem gleichnamigen italienischen Getränke-Konzern präsentiert neu den «Excellence Award», der heuer an die Schauspielerin Laetitia Casta ging.

Kaum ist das Festival vorbei, braucht’s neue Verträge

Während des elftägigen Festivals ist die ganze Crew immer gestresst, für Brunschwig hingegen kommt jetzt die härteste Zeit. Zwar sind die Sponsorengelder für die 75-Jahre-Jubiläumsausgabe vom kommenden August bereits gesichert, doch nun müssen die Verträge für die Ausgabe von 2023 abgeschlossen werden.

Ein Prozedere, das sich alle Jahre wiederholt und bei dem jeweils viel auf dem Spiel steht, insbesondere dann, wenn nach ein paar Jahren ein Vertrag mit einem «Hauptpartner» erneuert werden muss. Falls einer abspringt, muss sofort Ersatz her, wie 2016, als der Energieversorger AET als Hauptsponsor zurücktrat und durch die Mobiliar ersetzt werden konnte. Rückzugssignale seien derzeit keine zu vernehmen, betont Brunschwig.

Ein gewisses Risiko besteht aber immer – insbesondere bei personellen Veränderungen an den Konzernspitzen. Legendär ist etwa die Geschichte von Oswald Grübel, dem motorsportbegeisterten Bankenprofi, der zuerst bei der CS und dann bei der UBS das Sagen hatte – und so zuerst die CS und später die UBS zum Formel-1-Sponsoring machte. Ob die Abgänge von UBS-Lenker Sergio Ermotti und Mobiliar-Chef Markus Hongler Folgen haben werden fürs Festival, wird sich noch weisen müssen.

Die vier grossen Firmen-Partner: Auf der Rückseite jedes Stuhls auf der Piazza Grande.

Die vier grossen Firmen-Partner: Auf der Rückseite jedes Stuhls auf der Piazza Grande.

Urs Flueeler / KEYSTONE

Bei den Verhandlungen mit Sponsoren geht es um Geld, aber nicht nur: «Die Zusammenarbeit ist vielschichtiger geworden», betont Brunschwig. Oder anders gesagt: Früher waren Geldgeber zufrieden, wenn sie ihr Logo überall drauftun konnten, heute wollen sie mehr, wollen ihr «Engagement» einbinden in ihre Firmenkultur und Kommunikation – und das nicht nur an elf Tagen pro Jahr, sondern immer. Deshalb baut Brunschwig das Festival nun unter dem Motto «Vision 365» aus.

Ausweitung auf das ganze Jahre

Dabei werden mit «Partnern» sogenannte «Plattformen» aufgebaut, die mehrheitlich virtuell das ganze Jahr über betrieben werden und eine ideelle Verbindung zum Herzstück von Locarno pflegen: zum physisch stattfindenden Festival. Dazu gehört etwa das Locarno-Kids-Programm mit der Mobiliar, aber auch die mit der Tessiner Universität geschaffene Professur «für die Zukunft des Kinos und audiovisueller Künste».

Nur so, nur über eine zeitliche, geografische und virtuelle Ausdehnung könne das Festival weiter wachsen, erklärt Brunschwig. Und wachsen will es. Oder muss es, wie Solari sagen würde.

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