ABB: das abrupte Ende
der 
Ära
Spiesshofer 

Bei ABB kommt es zum Eklat. Überraschend kündigte das Unternehmen den sofortigen Abgang von CEO Ulrich Spiesshofer an. Interimistisch übernimmt VR-Präsident Peter Voser das Ruder.

Niklaus Vontobel
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Nach fast sechs Jahren ist Ulrich Spiesshofer per sofort nicht mehr CEO bei ABB. (Bild: Ennio Leanza/Keystone (Zürich, 17. Dezember 2018)

Nach fast sechs Jahren ist Ulrich Spiesshofer per sofort nicht mehr CEO bei ABB. (Bild: Ennio Leanza/Keystone (Zürich, 17. Dezember 2018)

Ulrich Spiesshofer ist nicht mehr Chef von ABB. Per sofort übernimmt Verwaltungsratspräsident Peter Voser den Posten, bis ein Nachfolger gefunden ist. Das gab der Industriekonzern am Mittwoch vor Börsenanfang bekannt. Über die Hintergründe der abrupten Trennung musste gerätselt werden. In der ersten Mitteilung beschränkte man sich auf gegenseitiges Lob und viel Eigenlob – wie in solchen Fällen üblich. Voser meinte, Spiesshofer habe ABB zu einem «globalen Technologieführer» weiterentwickelt. Spiesshofer attestierte sich, er übergebe ein «gut getrimmtes Schiff, das nun Fahrt aufnimmt».

Etwas deutlicher wurde Voser an einer Telefonkonferenz. Der Verwaltungsrat habe diskutiert, wie es in den nächsten Jahren weitergehe, welche Kultur ABB haben wolle. «In solchen Situationen wird immer auch über die Führung diskutiert.» Der Konzern werde nun einem Programm unterzogen für ­einen «kulturellen Wandel». So würden viele Aufgaben, die früher die Zentrale übernommen habe, künftig in den einzelnen Divisionen erledigt. Übersetzt heisst das: Der Chef hat künftig weniger Macht. 8,5 Millionen Franken – das ­Salär von Spiesshofer für 2018 – wird die neue Person an der Spitze wohl nicht mehr verdienen.

Einschneidender Wandel

Der Wandel sei nicht in drei Monaten zu schaffen, so Voser weiter, vielmehr sei es eine Aufgabe für die kommenden fünf Jahre. Entsprechend habe man einen Chef gewollt, der so lange an Bord bleibt. In dieser Erklärweise setzt Voser fast schon eine Tradition bei ABB fort: ein neuer Chef für eine neue Ära. Voser selbst musste im Jahr 2002 als Finanzchef, mit Chef Jürgen Dormann, die ABB vor dem Bankrott retten. Ab 2005 fiel Fred Kindle die undankbare Aufgabe zu, den Konzern zu festigen (siehe Artikel unten). Er optimierte, steigerte die Margen, verrichtete Fleissarbeit. 2008 wurde er vom deutschen Verwaltungsratspräsidenten Hubertus von Grünberg ­abgesetzt, der wollte einen Mann des Wachstums. Der Amerikaner Joe Hogan durfte in drei Jahren total 10 Milliarden Dollar für Zukäufe ausgeben. Ab 2013 musste Spiesshofer dann ausmisten, bis er stolz verkünden konnte, ABB lasse sich nun in zwei Sätzen erklären.

Ein neuer Mann für eine neue Ära – diese Erklärung scheint Voser in der Öffentlichkeit platzieren zu wollen. So betonte er an der Pressekonferenz, die Trennung habe «weniger mit den Fähigkeiten und der Persönlichkeit des aktuellen Chefs zu tun». In den Zwischentönen liess Voser jedoch eine weitere Erklärung durchklingen, die im Umfeld des Konzerns ­bestätigt wird. Demnach steht ABB nicht bloss vor der nächsten Akquisitionsphase, sondern tatsächlich vor einer fun­damentalen Veränderung – und Spiesshofer passte nicht mehr zu dieser Strategie. In der «neuen» ABB werden die verbliebenen Divisionen wie selbstständige Unternehmen geführt. Die Chefs werden eigene Gewinne oder Verluste ausweisen, für Erfolg oder Misserfolg verantwortlich gemacht. Der Hauptsitz in der Schweiz hat nicht mehr reinzureden. Die Divisionen holen sich die Services, die sie brauchen selber.

Der Verkauf der Stromnetzsparte hat den Weg zu dieser neuen ABB freigemacht. Denn die staatlichen Grossaufträge, entscheidend im Stromnetzgeschäft, bedingten eine Matrix­organisation. Um mit den staatlichen Stellen verhandeln zu können, brauchte es jeweils einen Länder-Chef neben einem Division-Chef. Dieses Erfordernis ist nun aus dem Weg geräumt. Spiesshofer hingegen hatte in seinen Jahren an der Spitze eher die Tendenz, die einzelnen Geschäfte an sich binden zu wollen. Er stand für Zentralismus, wohl weil er ein eher wirres Portfolio geerbt hatte. Und er verstand es zuletzt nicht, die Mitarbeiter für den Wandel zu begeistern, sie an der Hand zu nehmen. Stattdessen verhedderte sich Spiesshofer in vielen Details. Nicht zuletzt wird der CEO in der neuen ABB weniger Gewicht haben. Auf die Chefs der Divisionen wird es ankommen.

Warum es zur Trennung kam, war der Börse anscheinend einerlei. Die Investoren freuen sich über die Meldung vom Abgang. Der Kurs von ABB stieg am Mittwoch über fünf Prozent. Solche Kursavancen waren Spiesshofer zuvor verwehrt geblieben, egal welche neuen Massnahmen er verkündete.