Spezialzüge für Spanien: Stadler betätigt sich als Schienendoktor

Das Ostschweizer Unternehmen baut Diagnosezüge und kommt im zukunftsträchtigen Geschäft des Signalling weiter voran.

Thomas Griesser Kym
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Ein Arbeiter im spanischen Stadler-Werk Stadler Rail Valencia.

Ein Arbeiter im spanischen Stadler-Werk Stadler Rail Valencia.

Bild: Pau Barrena/ Bloomberg

Vor vier Jahren hat der Ostschweizer Schienenfahrzeugbauer Stadler vom deutschen Vossloh-Konzern dessen Lokomotivfabrik im spanischen Valencia übernommen. Seither macht das Werk wiederholt mit speziellen Aufträgen von sich reden, gerade auch im Heimmarkt Spanien.

So hat die staatliche Gesellschaft für die Verwaltung der Eisenbahninfrastruktur (Adif) gerade erst vergangenen Sommer bei Stadler Rail Valencia 22 Rettungslokomotiven bestellt (siehe Zweittext unten). Und nun lässt sie kurz vor dem Jahreswechsel eine weitere Order folgen.

Das Streckennetz wird abgehorcht

Demnach bestellt Adif, wie ihrer Website zu entnehmen ist, bei Stadler und der italienischen Firma Mermec drei neue Diagnosezüge. Der Auftrag ist 74,5 Millionen Euro (82 Millionen Franken) wert. Er umfasst die Lieferung, Ausrüstung und Homologierung der drei Züge sowie einen fünfjährigen Wartungsvertrag.

Visualisierung eines Zugs für die spanische Adif.

Visualisierung eines Zugs für die spanische Adif.

Bild: PD

Die Züge werden für die Diagnose des Schienennetzes ausgerüstet. Dabei werden sie mit ihren Messsystemen alle wichtigen Parameter der Schienen und der Oberleitung analysieren, um die Qualität, Zuverlässigkeit und Sicherheit der Infrastruktur zu gewährleisten und zu verbessern. Die Züge werden sowohl für die Wartung existierender Strecken eingesetzt als auch zur Zertifizierung neuer Linien.

Kooperation mit der italienischen Hightechfirma Mermec

Die bimodalen Züge sind mit Dieselkraft 160 km/h und elektrisch 200 km/h schnell. Sie werden den Angaben zufolge mit den Signalling-Systemen Asfa Digital und ERTMS ausgerüstet. Hier kommt Mermec ins Spiel, die Zugsicherungssysteme herstellt. Den Entscheid, ins Signalling einzusteigen, hat Stadler vor drei Jahren gefällt, da als Folge der Digitalisierung die Züge und die Signaltechnik immer mehr miteinander verschmelzen. Stadler hat im Rahmen des Ausbaus des Signallings mit Mermec das Joint Venture Angelstar gegründet. Zudem hat Stadler in Wallisellen einen Engineering-Standort aufgebaut.

Gemeinsam haben Stadler und Angelstar bereits Guardia entwickelt, ein ETCS-Zugbeeinflussungssystem, das erstmals bei den neuen Stadler-Zügen des Typs Flirt für die BLS zum Einsatz kommt – «ein wichtiger Meilenstein» für den jungen Geschäftsbereich Signalling, wie Stadler vor einem Jahr mitteilte.

Der Schienenverkehr wird immer komplexer

ETCS steht für European Train Control System und soll verhindern, dass Züge zu schnell oder in bereits belegte Streckenabschnitte einfahren. ETCS ist eine Komponente des ERTMS (European Rail Traffic Management System), des Systems für Management und Steuerung des Eisenbahnverkehrs auf den Strecken der Transeuropäischen Netze, das derzeit eingeführt und ausgebaut wird. Eine weitere Komponente des ERTMS ist das als Kommunikationssystem für Sprache und Daten genutzte Mobilfunksystem GSM-R.

Im Geschäft mit Rettungsloks

Ende Juli hat Stadler von Adif bereits den Auftrag zur Lieferung von 22 dieselelektrischen Rettungslokomotiven erhalten. Nach Ablauf der Einsprachefrist wurde der Vertrag Mitte Oktober unterzeichnet. Der Auftrag ist 115 Millionen Euro wert und umfasst auch die Wartung der Loks während acht Jahren. Die Loks, die binnen 36 Monaten zu liefern sind, werden im spanischen Stadler- Werk in Valencia gebaut. Die Wartung wird Stadlers Konsortialpartner Erion obliegen. Dieser ist in der Instandhaltung
aktiv und ein Joint Venture Stadlers und des spanischen Bahnbetreibers Renfe. (T. G.)

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Thomas Griesser Kym