Spektakuläre Flucht von ex Nissan-Boss Ghosn wird zum Politikum

Der ehemalige Nissan- und Renault-Boss Carlos Ghosn floh in den Libanon. Ghosn muss nicht fürchten, nach Japan ausgeliefert zu werden.

Felix Lill aus Tokio
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Der ehemalige Chef von Nissan, Carlos Ghosn, verlässt das Büro seines Anwalts in Tokio. (Foto vom April 3, 2019)

Der ehemalige Chef von Nissan, Carlos Ghosn, verlässt das Büro seines Anwalts in Tokio. (Foto vom April 3, 2019)

Sadayuki Goto, AP Kyodo News

Kein Justizflüchtling sei er, behauptete der einstige Topmanager nach seiner gelungenen Flucht. Vielmehr sei er ungerechter Behandlung entkommen und politischer Verfolgung entwichen. Carlos Ghosn, vor nicht allzu langer Zeit einer der mächtigsten Wirtschaftsbosse der Welt, initiierte sich einmal mehr als Opfer eines Plots gegen ihn.

Nach Japan, wo der Brasilianer mit libanesischen und französischen Pässen in seiner Zeit als Chef von Nissan, Mitsubishi und Renault viel Zeit verbrachte, wird er freiwillig wohl nicht mehr zurückkehren. Dafür wolle er die Welt über das in seiner Sicht verlogene Justizsystem Japans informieren.

Selten war ein Wirtschaftsjustizfall so spektakulär wie dieser

Über den Jahreswechsel entfloh der 65-jährige Ghosn, der seit Monaten in Japan eine Haftstrafe auf Bewährung verbüssen sollte, dem japanischen Rechtssystem gen Libanon. In Japan werden ihm Steuerhinterziehung und Veruntreuung in Höhe von umgerechnet rund 38,8 Millionen Euro vorgeworfen.

Nach seiner ersten Festnahme 2018 wurde Ghosn über 108 Tage in Haft gehalten, ohne dass er Zugang zu einem Anwalt verlangen konnte. Zweimal lehnten die Gerichte ein Ansuchen auf Freilassung gegen Kaution mit dem Argument der Fluchtgefahr ab. Im März durfte er dann doch auf freien Fuss, gegen eine Kaution von 7,9 Millionen Euro.

Ghosn fürchtete offenbar das Urteil

Ghosn wollte das Land verlassen. Auf spektakuläre Weise. Er soll in einem Instrumentenkasten, den er von einer Musikband geliehen hatte, zu einem Privatjet geschmuggelt worden sein, in dem er dann offenbar ausser Landes geschafft wurde.

Von all dem hatte nicht nur die japanische Justiz keine Ahnung, sondern auch Ghosns Verteidiger in Japan. Sein Anwalt Junichiro Hironaka sagte: «Ich weiss nicht einmal, wie wir ihn jetzt kontaktieren können. Ich weiss nicht, wie es weitergeht.»

«Ich weiss nicht einmal, wie wir ihn jetzt kontaktieren können. Ich weiss nicht, wie es weitergeht.»

Libanon, wo sich Ghosn nun aufhält und er bereits den Präsidenten getroffen hat, hat kein Auslieferungsabkommen mit Japan. Auch in Frankreich wäre er wohl sicher.

«Wenn Herr Ghosn nach Frankreich käme, würden wir ihn nicht ausliefern, denn Frankreich liefert niemals seine eigenen Staatsangehörigen aus», sagte die Staatssekretärin im französischen Wirtschafts- und Finanzministerium, Agnès Pannier-Runacher.

Unterdessen wurden in der Türkei mutmassliche Helfer der Fluchtaktion festgenommen. Über Interpol ist ein internationaler Haftbefehl erlassen.

Blamage für die japanische Justiz

Derzeit sieht es denn so aus, als würde die japanische Justiz nun vorgeführt. Und das von einem Mann, dessen Festnahme zunächst als Coup der Rechtsschützer galt.

Über viele Jahre war Carlos Ghosn in Japan ein Star der Businesswelt, nachdem er Anfang der 2000er-Jahre dort den maroden Autobauer Nissan wirtschaftlich auf die Erfolgsstrecke gebracht hatte.

Allerdings sorgte er auch für Empörung, weil er sich deutlich höhere Gehälter ausbezahlen liess als die Bosse der Konkurrenz – was im etwas weniger steil vergütenden Japan auffiel. Feinde machte sich Ghosn dann wohl endgültig, als er die Autobauer Renault und Nissan, deren beider Chef er war, fusionieren wollte. Da sich die japanische Seite bei dem angedachten Deal benachteiligt fühlte, regte sich Widerstand.

Kritik von Amnesty International

So vermuten böse Zungen, von denen Carlos Ghosn selbst wohl eine ist, dass die Verhaftung des Ex-Managers auf einen Verrat seiner Mitarbeiter zurückzuführen ist.

Ghosn, der alle Anschuldigungen von sich weist, betont seither die Diskriminierungen im japanischen Justizsystem und die faktische Vorverurteilung von Angeklagten. Schliesslich wird, sobald die Staatsanwaltschaft ihre Tätigkeit aufnimmt, tatsächlich fast jeder Verdächtigte auch für schuldig befunden.

Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International kritisieren seit langem die Praxis, Verdächtigte für lange Zeit ohne Zugang zu einem Anwalt zu verhören. Dies führe regelmässig zu erzwungenen Geständnissen.

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