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SOZIALES NETZWERK: Was Facebook gefährlich werden könnte

Datenmissbrauch, Manipulationsvorwürfe, Verstrickungen ins Weisse Haus: Das soziale Netzwerk Facebook hat nach dem Datenskandal nicht nur ein politisches Problem.
Adrian Lobe
Am Eingang zu Facebooks Hauptsitz in Menlo Park in Kalifornien zeigt der Daumen, das Symbol für das soziale Netzwerk, nach oben. Intern dürfte die Stimmung derzeit eine ganz andere sein. (Bild: Josh Edelson/AFP (21. März 2018))

Am Eingang zu Facebooks Hauptsitz in Menlo Park in Kalifornien zeigt der Daumen, das Symbol für das soziale Netzwerk, nach oben. Intern dürfte die Stimmung derzeit eine ganz andere sein. (Bild: Josh Edelson/AFP (21. März 2018))

Adrian Lobe









Das Wichtigste in Kürze:

  • Nach einem Datenmissbrauch hat Facebook in der Gunst von Nutzern, Politikern und Anlegern viel an Goodwill verloren.
  • Zu schaffen macht dem sozialen Netzwerk nicht in erster Linie, dass nun zahlreiche Nutzer ihre Konten löschen, sondern, dass sich Anzeigenkunden von ihm abwenden könnten.
  • Zudem hat Facebook bei Jungen einen schweren Stand. Laut einer Studie wenden sich alleine in diesem Jahr in Grossbritannien 700'000 von dem Netzwerk ab.

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: <strong style="margin: 0px; padding: 0px; font-size: 18px; vertical-align: baseline; border: none; outline: 0px; background: transparent; color: rgb(0, 120, 190);"><em style="margin: 0px; padding: 0px; font-size: 18px; vertical-align: baseline; border: none; outline: 0px; background: transparent;">www.tagblatt.ch/epaper</em></strong>

Lange Zeit hatte es nur positive News über Facebook gegeben: Rekordgewinne, steigende Aktienkurse, wachsende Nutzerbasis. Turbulenzen um Manipulationsvorwürfe und Fake News wusste Gründer und Konzernchef Mark Zuckerberg mit der ihm eigenen idealistischen (und nebulösen) Rhetorik zu umfliegen. Er brachte sein soziales Netzwerk immer wieder auf Kurs.

Doch nach den jüngsten Enthüllungen um den massenhaften Missbrauch von Facebook-Daten durch die Firma Cambridge Analytica ist von der anfänglichen Euphorie nicht mehr viel übrig geblieben. Der Aktienkurs ist eingebrochen, die Anleger sind nervös. Erste Banken haben die Aktie von der Kaufliste ihrer Nachhaltigkeitsfonds verbannt. Und Zuckerberg, das Wunderkind, das von der Politik hofiert wurde, wird vom britischen Unterhaus zum Rapport vorgeladen. Der politische und wirtschaftliche Druck auf Facebook wächst. Zuckerberg hat sich für den Skandal nun entschuldigt. Doch das allgemeine Misstrauen konnte er damit nicht beseitigen.

Immer mehr Junge kehren Facebook den Rücken zu

Kleine Dämmerwolken zogen bereits im Februar auf, als durch eine Untersuchung der britischen Consulting-Firma E-Marketer bekannt wurde, dass die Zahl der Nutzer unter 24 Jahren allein in Grossbritannien in diesem Jahr um 700 000 Personen sinken würde. Das ist bei weltweit 2 Milliarden Nutzern, die Facebook faktisch zur grössten Organisation der Welt machen, kein dramatischer Verlust, aber ein Signal, dass der Konzern bei einer werberelevanten Zielgruppe an Boden verliert. Dienste wie die Foto-App Snapchat, für die Facebook vergeblich ein Übernahmeangebot machte, sind bei Jugendlichen populärer.

Analysten sagten schon länger voraus, dass das Wachstum nicht ewig so weitergehen könne. Der Börsenwert des Konzerns betrug zeitweise über eine halbe Billion Dollar, mehr als das Bruttoinlandprodukt Schwedens. Die gigantische Marktkapitalisierung erschien ungesund, weil ihr ausser einem Datenschatz und ein paar Rechenzentren, die die Like-Maschinerie am Laufen halten, kein realer Gegenwert gegenübersteht. Facebook besitzt keine Fabrikhallen. Der Internetkonzern schöpft Mehrwert aus unseren Gedanken und Emotionen.

Sind die politischen Manipulationsvorwürfe nun der Todesstoss für ein Unternehmen, das immer nur auf Freundschaft machte? Der Super-GAU für Facebook wäre es, wenn die Nutzer dem sozialen Netzwerk den Rücken kehrten und sich reihenweise abmeldeten. Unter dem Hashtag «#DeleteFacebook» hat der Milliardär und Whats­-app-Mitgründer Brian Acton dazu aufgerufen, die Plattform zu verlassen. Ausgerechnet jener Mann, der mit dem Verkauf seines Unternehmens an Facebook zum Multimilliardär wurde.

Achillesferse sind die Anzeigen

Ein Exodus steht jedoch nicht zu befürchten. Das lässt sich mit dem politikwissenschaftlichen Konzept der Pfad­abhängigkeit begründen: Ist man erst mal angemeldet, lässt man die Dinge lieber einstweilen weiterlaufen, als unter dem Risiko möglicher Kontaktverluste seinen Account zu löschen.

Die entscheidenden Parameter sind die Nutzungsdauer und die Anzeigen. Das ist die Achillesferse von Facebook. Der Konzern erzielte allein im zweiten Quartal 2017 Werbeeinnahmen von fast zehn Milliarden Dollar. Wenn sich Anzeigenkunden nun aus politischen Gründen – stärkere Regulierung könnte hier eine Rolle spielen – oder aus wirtschaftlichen Gründen zurückziehen, weil der Werbewert durch die abnehmende Verweildauer sinkt, könnte dies den blauen Riesen an einem wunden Punkt treffen. Die PR-Abteilungen von Unternehmen werden prüfen, ob sie weiter in einem Umfeld werben wollen, das mit Desinformationskampagnen und Hassreden in Verbindung steht.

Facebook hat sein Geschäftsmodell trotz zahlreicher Zukäufe (Whatsapp, Instagram, Oculus Rift) nicht hinreichend diversifiziert, als dass es Verluste aus dem Anzeigengeschäft kompensieren könnte. Konkurrenz erwächst dem Unternehmen indes durch die Karriereplattform LinkedIn, die viele Facebook-Features – etwa den Newsfeed, das Networking-Prinzip und Videos – übernommen hat und eine Alternative für Nutzer ist, die der Katzenvideos überdrüssig sind und nach einem professionelleren Umfeld im Netz suchen. Die Frage ist: Kann Facebook zusammenbrechen? Prominente Beispiele gibt es zuhauf. Soziale Netzwerke wie StudiVZ, MySpace oder Friendster sind längst tot. Der einstige Facebook-Konkurrent StudiVZ, den die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck 2007 für 85 Millionen Euro übernahm, ist Geschichte. Die Firma Poolworks, die letzte Eigentümerin, meldete im vergangenen Jahr Insolvenz an. Friendster, das zeitweise 130 Millionen Mitglieder hatte, löschte 2011 mit der Abwicklung sämtliche Nutzerprofile und Fotos, wobei Teile vom Internet Archive, dem «Gedächtnis des Internets», archiviert wurden.

Die Systemdesigner David Garcia, Pavlin Mavrodiev und Frank Schweitzer von der ETH Zürich haben in einer empirischen Untersuchung die Gründe analysiert, warum ein soziales Netzwerk kollabiert. Das Ergebnis: Die Stärke eines sozialen Netzwerks hängt von der Robustheit gegenüber «kaskadenartigen» Nutzerabgängen ab. Entscheidend dafür ist ein harter Nutzerkern, der untereinander stark vernetzt ist. Der Niedergang von Friendster, der durch eine veränderte Benutzeroberfläche eingeleitet wurde, lag darin begründet, dass die Beziehungsnetze zwischen den Nutzern recht lose waren. Es kommt also nicht auf die absolute Zahl der Nutzer an, sondern darauf, wie gut die Mitglieder einzelner Unternetzwerke miteinander verknüpft sind. Wenn man aus dem Fall Friendster eine Lehre für Facebook ziehen kann, dann die, dass eine hohe Mitgliederzahl kein Garant für das Überleben einer Online-Community ist.

Bei Facebook ist die Fallhöhe besonders hoch

Wird Facebook das nächste Friendster? Platzt die Filterblase? Wäre ein Konzern mit einer kritischen Masse von zwei Milliarden Nutzern systemrelevant für die digitale Öffentlichkeit, gewissermassen «too big too fail»? Und: Was passierte mit Nutzerdaten?

Forscher der Universität Berkeley haben dieses Szenario bereits durchgespielt. In ihrer Analyse schreiben die Wissenschafter: «Die Regierungen werden ein Interesse haben, die Daten zu erwerben, nicht nur, um Unternehmen zu retten, die unter der Krise ächzen, sondern auch, um sensible Daten zu schützen, die sie nicht in der öffentlichen Sphäre sehen wollen.»

Facebook erklärt in seinen Datenrichtlinien: «Sollten sich die Eigentums- oder Machtverhältnisse aller oder eines Teils unserer Dienste oder ihrer Vermögenswerte ändern, können wir deine Informationen an den neuen Eigentümer übertragen.» Das ist freilich hypothetisch. Doch die Fallhöhe ist bei Facebook besonders hoch. So schnell, wie der Tech-Konzern zu einem der wichtigsten Player der Internetwirtschaft aufstieg, könnte er auch wieder abstürzen.

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