Soziale Medien
Selbst Facebook weiss: Instagram kann das Selbstvertrauen junger Frauen zerstören

Neue Enthüllungen über den grössten Social-Media-Konzern der Welt. Interne Dokumente, die dem «Wall Street Journal» zugespielt wurden, sollen belegen, wie das Unternehmen das Profitstreben über die Gesundheit seiner Nutzerinnen und Nutzer stellt.

Renzo Ruf, Washington
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Facebook-Chef Mark Zuckerberg steht erneut im Gegenwind.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg steht erneut im Gegenwind.

Mark Lennihan / AP

Neuer Ärger für den Social-Media-Gigant Facebook. Eine «grosse Anzahl» interner Dokumente, die der Wirtschaftszeitung «Wall Street Journal» zugespielt wurden, zeigt auf, wie das Milliarden-Unternehmen seine Nutzerinnen und Nutzer systematisch hinters Licht führt.

So weiss Facebook, dass der Tochterbetrieb Instagram das Leben von Teenagerinnen zur Hölle machen kann – weil der Körperkult von Influencerinnen, die über Instagram Fotos ihrer straffen Gesässmuskeln und makellosen Bauchpartien verbreiten, das Selbstvertrauen junger Frauen zerstört. Dies zeigen Studien, die das Unternehmen anfertigen liess. Aber öffentlich behauptet Facebook-Konzernchef Mark Zuckerberg, soziale Netze hätten unter dem Strich eine positive Auswirkung auf das Wohlbefinden von Teenagern.

Auch hat Facebook eine Zweiklassengesellschaft geschaffen. Während normale Nutzer umgehend mit Konsequenzen rechnen müssen, wenn sie gegen die Spielregeln der Internet-Plattform verstossen, gelten diese für 5,8 Millionen User nicht. Bei der Behandlung der Posts von Politikern, Sportlerinnen und anderen prominenten Menschen kommen demnach Sonderregeln (intern als «XCheck» bekannt) zur Anwendung, die einen grösseren Spielraum zulassen. So wurden Nacktbilder, die der Fussball-Star Neymar von einer Frau veröffentlichte, die ihn der Vergewaltigung beschuldigte, nicht umgehend gelöscht. Die Bilder, die die Definition von Racheporno («Revenge Porn») erfüllen, konnten deshalb mehr als 50 Millionen Mal angeklickt werden, bis sie 24 Stunden später doch wieder verschwanden.

Ob sich unter den XCheck-Promis auch Schweizerinnen und Schweizer befinden, konnte der «Wall Street Journal»-Journalist Jeff Horwitz am Dienstag nicht sagen. Leider, teilte der Technologie-Experte per E-Mail mit, habe er diese Information nicht. Im Artikel werden nebst Neymar auch der abgewählte Präsident Donald Trump, die linke Senatorin Elizabeth Warren, Facebook-Gründer Zuckerberg und Doug the Pug, ein Influencer-Hund aus Nashville (Tennessee), namentlich genannt.

Die Enthüllungen von Horwitz, der Beginn einer Serie mit dem Namen «The Facebook Files», sind ein gefundenes Fressen für Politiker in Washington, die eine Zerschlagung des Konzerns fordern. So rief der Senator Richard Blumenthal, ein Demokrat, am Dienstag das Unternehmen dazu auf, umgehend sämtliche internen Dokumente über die negativen Auswirkungen von Instagram auf die Psyche von Teenagerinnen zu veröffentlichen. «Facebook ist nicht fähig, sich selbst zur Verantwortung zu ziehen», schrieb Blumenthal in einer Pressemitteilung, die auch von der konservativen Senatorin Marsha Blackburn unterzeichnet worden war. Dem Unternehmen, das an der Börse aktuell mehr als 1060 Milliarden Dollar wert ist, gehe es nur ums Geld.

Whistleblower im Kontakt mit Börsenaufsicht?

Die Dokumente wurden dem «Wall Street Journal» übrigens von einer Person zugespielt, die sich als Whistleblower bezeichnet. Diese Person habe auch die Börsenaufsicht SEC kontaktiert und das nationale Parlament, bestätigte ein Whistleblower-Anwalt.

In einer Stellungnahme bezeichnete Facebook die Enthüllungen über XCheck als veraltet. Instagram-Chef Adam Mosseri räumte ein, dass Facebook sich schwer damit tue, die negativen Auswirkungen von Social Media zur Kenntnis zu nehmen. «Ich dränge darauf, dass wir unsere Verantwortungen breiter wahrnehmen», sagte er dem «Wall Street Journal».

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