Sound für die Ewiggestrigen

In den Städten schliessen Plattenläden, weil immer mehr Menschen Musik im Internet herunterladen. Derweil verkauft der Winterthurer Versandhandel cede.ch Hunderttausende Tonträger pro Jahr.

Daniel Walt
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CDs sind ihr Leben: Philippe Stuker (links) und Martin Zeller von cede.ch. Bild: Reto Martin (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

CDs sind ihr Leben: Philippe Stuker (links) und Martin Zeller von cede.ch. Bild: Reto Martin (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Nie im Leben käme es Martin Zeller in den Sinn, ein Lied im Internet herunterzuladen oder zu streamen. Der 59-Jährige ist Besitzer von rund 800 CDs und gegen 1000 Schallplatten. Er schätzt es, einen Tonträger in der Hand zu haben, die Gestaltung eines Plattencovers zu bewundern oder im Booklet einer CD zu stöbern.

Weil es nach wie vor genügend Musikfreunde gibt, die genauso ticken, gelang es Zeller und seinen Mitstreitern, einen serbelnden Plattenladen zu einer der schweizweit erfolgreichsten Internet-Versandhandlungen für Musik zu machen.

Martin Zeller machte seine Leidenschaft für Musik zum Beruf, als er Ende der 1970er-Jahre einen Job beim Plattenladen «Musicbox» in Winterthur annahm. Vieles, was er in den nächsten rund zwei Jahrzehnten dort erlebte, hat er nie mehr vergessen. «Im Lager war es bitterkalt», erinnert er sich. In Erinnerung geblieben ist ihm auch jener Kunde, der eine Platte aus der Hülle nahm und sie auf den Boden legte, um zu schauen, ob das gute Stück auch wirklich nicht verbogen war. Mit einer gewissen Milde denkt er im Rückblick zudem an jene Musikfans, die stapelweise unbezahlte Platten aus dem Laden schmuggeln wollten – sie versteckten die Tonträger unter ihren Wintermänteln.

Vom Plattenladen ins Internet

So leidenschaftlich Martin Zeller und die Mitinhaber die «Musicbox» in Winterthur betrieben, so schwer fiel es ihnen um die Jahrtausendwende, sich einzugestehen, dass der Plattenladen aufgrund rückläufiger Verkäufe keine Zukunft mehr hatte. «Zwei bis zweieinhalb Jahre dauerte diese Phase», blickt Zeller auf diese Zeit zurück.

Schliesslich verkauften sie den Laden an einen Mitarbeiter. Und machten sich daran, cede.ch auszubauen – jene Internetplattform, auf der sie im Jahr 1998 versuchsweise begonnen hatten, CDs zu vertreiben, um die sinkenden Erträge in der «Musicbox» aufzufangen. Sie konnten sich dabei auf einen durchaus gelungenen Start stützen: Schon wenige Monate nach der Aufschaltung war die Website in einem Beitrag der Fernsehsendung «10 vor 10» zur besten des Landes gekürt worden.

Preiszerfall bei den Tonträgern

In den Spitzenjahren verkaufte cede.ch pro Jahr rund 750 000 CDs. Der generelle Rückgang der CD-Verkäufe hat auch vor dem Winterthurer Unternehmen nicht haltgemacht. Nach wie vor sind es aber rund 550 000 Alben pro Jahr, welche die Online-Plattform absetzt. «In den letzten Jahren sind die Stückzahlen relativ konstant geblieben», sagt Geschäftsleiter Philippe Stuker. Er verhehlt allerdings nicht, dass es einen Preiszerfall bei den Tonträgern gegeben hat – kostete eine CD früher gegen 30 Franken, so verkauft cede.ch viele Alben heute für die Hälfte oder zwei Drittel dieses Preises.

Entschärft hat das Winterthurer Unternehmen dieses Problem, indem es sein Angebot frühzeitig erweiterte. Schon seit 2001 werden auf cede.ch auch DVDs verkauft, später kamen Computerspiele und Bücher dazu, und seit einigen Monaten sind auch Fanartikel zu haben – «deren Palette reicht von den Simpsons bis zu AC/DC», sagt Philippe Stuker.

Zum Erfolg geworden ist auch der Handel mit den wieder aufkommenden Vinylplatten, der vor rund drei Jahren gestartet wurde. Martin Zeller sagt dazu: «Rund 15 Prozent unseres Musikumsatzes machen wir mittlerweile mit Vinyl – und die Tendenz ist steigend.» Ein Suchdienst, den Musik- und Filmfreunde in Anspruch nehmen können, rundet das Angebot von cede.ch ab. «Für Platten, die wir im Laden früher nicht einmal für zwei Franken verkaufen konnten, zahlen Fans bis zu 60 Franken, wenn wir sie irgendwo auf der Welt auftreiben können», hält er fest.

Keine Angst vor der Zukunft

Seit mehreren Jahren arbeiten konstant rund 60 Angestellte für cede.ch. 10 000 bis 15 000 verschiedene Alben hat das Unternehmen im CD-Bereich in einer Geschäftsliegenschaft in Winterthur an Lager, der Rest ist vielfach innert zweier bis dreier Tage lieferbar.

Die Entwicklung in der Musikbranche, die weiterhin in Richtung von Downloads oder Streamen und zulasten von Tonträger-Verkäufen geht, verfolgen Martin Zeller und Philippe Stuker zwar genau. Verrückt machen lassen sie sich davon aber nicht. «Im Gegensatz zu den DVDs scheint die Talsohle beim abnehmenden Verkauf von CDs nicht nur bei uns, sondern generell erreicht zu sein», erklärt Philippe Stuker. Martin Zeller seinerseits hat ebenfalls wenig Angst, dass er nach der «Musicbox» aus wirtschaftlichen Gründen irgendwann auch von cede.ch Abschied nehmen muss: «Bevor CDs aussterben, gibt es keine Menschen mehr», sagt er.