Kreativ in der Krise: So reagieren Unternehmen auf den Ausnahmezustand

Video-Chat mit Kunden, Hanteln zum Ausleihen oder eine Bar die zum Lebensmittelladen wird– die Corona-Krise lässt viele Firmen neue Wege gehen.

Andreas Möckli und Fabian Hock
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Ob mit dem Auto selber abholen oder per Velo-Kurier bringen lassen: Die Kunden sollen weiterhin an ihre Waren kommen.

Ob mit dem Auto selber abholen oder per Velo-Kurier bringen lassen: Die Kunden sollen weiterhin an ihre Waren kommen.

Bild: AP/Keystone

Seit Dienstag können unzählige Unternehmen wegen der Corona-Krise ihre Kunden nicht mehr in ihren Läden bedienen. Viele Firmen versuchen nun, mit kreativen Lösungen einen Weg zu finden, wie sie zumindest einen Teil ihres Geschäfts dennoch aufrechterhalten können. Wir stellen von den unzähligen Beispielen einige vor.

Rasch reagiert auf die Krise hat etwa Veloplus. Das Fahrrad-Fachgeschäft musste zwar seine Läden, jedoch nicht seine Reparatur-Werkstätten schliessen. Diese seien nun um- und ausgebaut worden, damit dort mehr Angestellte arbeiten können und gleichzeitig der nötige Abstand gewahrt werden könne, wie Geschäftsführer Dominique Metz sagt. Die Kunden müssen ihre Velo-Reparaturen telefonisch voranmelden. So soll verhindert werden, dass sich zu viele Menschen gleichzeitig in den Läden aufhalten.

Mitarbeiter, die bisher in den Läden gearbeitet haben, helfen nun im Kundendienst, in den Werkstätten und in der Logistik aus. «Hier haben wir stark aufgestockt, weil wir im Onlineshop eine Verdoppelung des Volumens verzeichnen», sagt Metz. Bald sollen die Kunden per Video-Chat mit Beratern in den Läden sprechen können. «Derzeit arbeiten wir an einer technischen Lösung, um das möglich zu machen.» So könne der Berater dem Kunden Velos oder Zubehör per Video zeigen.

Fitnessgeräte zum Ausleihen für zu Hause

Von der Zwangspause betroffen sind im Sportbereich auch die Fitnessclubs. «Uns betrifft das sehr», sagt Saara Snellman, Besitzerin des «Crossfit Kreis 9» in Zürich. Zur Zeit steht ihr Studio komplett still. Sie vermietet nun für die Zeit des Lockdowns ihre Fitnessgeräte an die Kunden. Ein Rudergerät, im Neupreis über 1000 Franken, kostet für die gesamte Zeit 150 Franken. Für Hanteln nimmt sie einen Franken pro Kilo.

Trainingspläne für das «Home-Work-out» gibt es mit dazu. «Unsere Kunden nehmen das sehr gut an», sagt die 41-Jährige. «Sie sind sehr treu, zu uns und zum Sport.» Ihren Kunden hat sie angeboten, ihre Abos für die Zeit des Stillstands einzufrieren – doch die meisten würden darauf verzichten. «Unsere Leute wissen, in welchem Loch wir uns befinden, und unterstützen uns in dieser Zeit», sagt sie.

Nenad Mlinarevic wurde 2016 zum Koch des Jahres gewählt.

Nenad Mlinarevic wurde 2016 zum Koch des Jahres gewählt.

Sabine Rock / Limmattaler Zeitung

Auch in der Gastronomie versuchen viele, das Beste aus der Situation zu machen. Eine kreative Lösung haben die beiden Zürcher Restaurants Bauernschänke und Neue Taverne entwickelt. Unter dem Namen «Auswärts Daheim» haben sie einen Bestell- und Hauslieferservice eingerichtet. Statt fertigen Mahlzeiten werden verschiedene Bausteine angeboten, die zu einem Menu kombiniert werden können. Die einzelnen Bestandteile wie etwa Bratkartoffeln, Lachs oder Weisskohl werden in den beiden Restaurants zubereitet, auf mindestens 68 Grad erhitzt und damit haltbar gemacht. Zu Hause können die Gerichte dann aufgewärmt werden. Hinter dem Projekt steht unter anderem Nenad Mlinarevic, Koch des Jahres im 2016. Derzeit werden nur Zürich und diverse Gemeinden an der Goldküste beliefert. Eine Ausweitung steht in Diskussion, ist aber noch nicht spruchreif.

Homeoffice aus dem Hotelzimmer

Viele andere Restaurants haben nun auf den Take-away-Betrieb umgestellt. So etwa das Restaurant Papiermühle in Basel. Kunden können seit Donnerstag über den Mittag ein Fleisch- oder ein Vegi-Menu kaufen, auch für ein Dessert ist gesorgt. Das Angebot sei gut angelaufen, sagt Beizerin Jennifer Szalas. Gerade jene, die in der Umgebung nun im Home-Office arbeiteten, seien dankbar für den Service.

Mit einer besonderen Idee wartet das Zunfthaus zu Wirthen in Solothurn auf, das ein Hotel und Restaurant betreibt. Neben dem Hauslieferdienst des Restaurants bietet Geschäftsführer Chris van den Broeke nun seine Hotelzimmer für Angestellte an, die im ­Home-Office arbeiten. Jene, denen es zu Hause zu eng wird, können für 25 Franken pro Tag ein Hotelzimmer zu einem temporären Büro umfunktionieren. Das Angebot muss für mindestens zwei Tage gebucht werden.

Die Bar Consum in Basel wurde kurzerhand zum Lebensmittelgeschäft umfunktioniert.

Die Bar Consum in Basel wurde kurzerhand zum Lebensmittelgeschäft umfunktioniert.

Simone Morger

Die Bar Consum in Basel wiederum hat sich in Anlehnung an ihren Namen in ein Lebensmittelgeschäft umgewandelt. Die Bar, die zum Hotel Krafft gehört, verkauft etwa Gemüse, Früchte, Brot, Fleisch oder Milchprodukte. Die Produkte stammen von den langjährigen Lieferanten des Hotels. «Diesen wollen wir so die Gelegenheit bieten, wenigstens einen Teil ihrer Produkte verkaufen zu können», sagt Franz-Xaver Leonhardt, Chef der Krafft Gruppe.

Die Bar wird zum Lebensmittelgeschäft

Zahlreiche Bäckereien liefern ihre Ware nun ebenfalls nach Hause zu ihren Kunden. So haben etwa die beiden Berner Bäckereien Glatz und Reinhard mit «einer jungen Generation an Kurierfahrern» einen Heimlieferdienst aufgezogen. In Bern sind dieses und viele andere Angebote auf der Website namens local-hero.ch zu finden. Dort können alle Berner Gewerbetreibenden ihre Angebote in Zeiten der Corona-Krise aufschalten.

Die Spezialitäten-Metzgerei Bechinger in St. Gallen hat kurzerhand ein Bestellformular auf ihrer Homepage aufgeschaltet. Dieses komme normalerweise nur an Weihnachten für Vorbestellungen zum Einsatz, sagt Geschäftsführerin Andrea Bechinger. Nun liefert die Metzgerei die Ware nach Hause oder bereitet sie vor, damit der Kunde die Bestellung im Laden abholen kann. Dadurch soll auch die Wartezeit im Laden verkürzt werden. «So können wir sicherstellen, dass sich weniger Leute gleichzeitig im Laden befinden und den Mindestabstand eingehalten werden kann», sagt Bechinger.

Bislang sind ja Schweizer Konsumenten im Gegensatz zum Ausland nicht als grosse Online-Einkäufer aufgefallen, was Lebensmittel anbelangt. Weniger als 5 Prozent des Gesamtumsatzes wird bei Nahrungsmitteln online erzielt. Gut möglich, dass sich die Gewohnheiten der Konsumenten auch über die Krise hinaus verändern.